Freundschaft Richtig zuhören, richtig trösten

Tanzen, trösten und ziemlich viel reden: Für unsere Freundin sind wir Soulmate, Coach, Therapeutin. Was aber, wenn wir ihr einmal nicht weiterhelfen können und mit unserem Latein total am Ende sind?
Mädchen tröstet ihre Freundin

Psychotest

Sind Sie eine gute Freundin?

Da saß sie, Maren, meine beste Freundin. Mein Felsen, den so leicht keine Welle überspült – und wusste nicht weiter. Weil ihr Leben, das eben noch so gleichmäßig vor sich hin tuckerte, ins Schlingern geraten war. Denn Maren war verknallt. Irgendwie noch in Thomas, den ich auch mochte und der seit fünf Jahren ihr Freund war. Aber vor allem in Jens, den Typen, der vor vier Wochen in ihrer Agentur angefangen hatte. Erst gingen sie nur mittags gemeinsam Spaghetti essen. Dann sah er sie so an, wie Thomas es schon lang nicht mehr getan hatte. So intensiv, dass Maren sich seither fragte: Wie küsst Jens wohl? Darf ich es ausprobieren oder würde Ich mir das nie verzeihen? Und vor allem fragte sie mich das. Ihre Freundin, mit der sie über alles reden kann. Und die trotzdem gerade sprachlos war.

Die beste Freundin kennen wir in- und auswendig

Denn ehrlich gesagt wusste ich es auch nicht. Dabei hätten die Vorzeichen nicht besser sein können. Unzählige Male lagen wir uns schon verheult in den Armen, vor Sorge, Sehnsucht, Glück. Wir haben die Tränen wieder getrocknet. Wir wissen, wie die andere tickt, denken über vieles ähnlich – und wenn nicht, ist das längst kein Grund mehr, sich anzuzicken. Sondern einer, um drüber zu reden. Eine Beziehung mit Mehrwert. "Freundinnen sind die idealen Partner, um sich im Leben gegenseitig voranzubringen“, sagt auch Buchautorin Dr. Katja Kruckeberg. "Sie sind füreinander immer auch ein bisschen Therapeut und ein bisschen Coach.“ Und doch gibt es diese Momente, in denen sogar beste Freundinnen an Grenzen stoßen. In denen wir uns nicht mehr sicher sind über das, was gestern noch klar schien. Oder die Sorge haben, dass die andere sich in ihrem Kummer verliert. Oder das Gefühl, dass sie etwas ändern muss, anstatt nur darüber zu reden.

Zuhören, nachfragen und bloß nicht verurteilen

Das sind die Momente, in denen wir uns fragen, was wir raten können – und wie. Ob wir mit der Idee einen Schritt zu weit gehen. Oder die falsche haben. Womit wir auf jeden Fall danebenliegen: mit dem Anspruch, auf alles eine Antwort zu haben. Wird die Freundin von ihren Gefühlen überrollt, muss sie diese erst ausspucken und sortieren, um wieder klar denken zu können. Wir reichen derweil ein Taschentuch, kochen Tee, nehmen sie in den Arm – und behalten Ad-hoc-Lösungen für uns. Denn die wirken, als wolle man damit das Problem, zack, vom Tisch wischen. Außerdem, so Kruckeberg: "Jede Einsicht, Lösung und Entscheidung, die die Freundin selbst entwickelt, ist um einiges wertvoller als der beste Ratschlag von außen.“ Was sie tun soll, muss sie selbst herausfinden. Wir helfen ihr nur, Möglichkeiten zu sortieren. Dafür drehen und wenden wir ihr Problem, zerpflücken es in alle Einzelteile, halten jedes ins Licht, damit sie klarer sieht – und streicheln so ihre angepickte Seele. Am besten unterstützen wir sie aber mit Zuhören. Richtig gutem Zuhören. Ohne abzuschweifen oder ihr ins Wort zu fallen. Und wir fragen. Nicht nur, wie das alles ganz genau war, sondern wie es ihr damit geht. Was ihr jetzt am besten hilft. Wie es für sie weitergehen soll.

Was, wenn wir an unsere Grenzen stoßen?

Und wenn sie dann sagt: "Es geht nicht weiter“, auch nach Monaten noch? Wenn der Liebeskummer die Freundin so fest im Griff hat, dass man es nicht schafft, sie daraus zu befreien? Was tut man dann, wenn man merkt, dass die andere in eine Lebenskrise rutscht? „In dem Fall sind Freunde und Verwandte zu nah dran, um noch helfen zu können. Denn sie sind nie ganz ehrlich, wollen die Betroffene schonen“, sagt Silvia Fauck, die eine Liebeskummer-Praxis betreibt. "Sagen Sie deutlich, dass Sie nicht weiterwissen und sie jetzt einen Profi braucht.“ Wer eine gute Freundin ist, hält aus, wenn die andere zuerst beleidigt reagiert. Denn nur das rüttelt sie auf, bringt sie dazu, sich Hilfe zu suchen. Und dann wären da noch diese Momente, in denen das Schicksal es böse meint und wir hilflos dastehen. Das Gefühl haben, eine schlechte Freundin zu sein, die nicht weiß, ob man sie in den Arm nehmen soll oder damit vielleicht alles nur schlimmer macht. Wie bei Martina, die nach vielen Versuchen endlich schwanger war. Nach 16 Wochen erzählte sie mir freudestrahlend davon, nach 20 Wochen spürte sie den ersten Tritt. Sie wollte gerade losziehen, ein paar Strampler kaufen, als es in ihrem Bauch plötzlich still wurde. Und blieb. "Es tut mir so leid“, stammelte ich, als ich kurz danach in ihrer Küche saß, und musste mitheulen, als ihr die Tränen kamen. Nur wie eine Hilfe fühlte ich mich nicht. Oft reicht es, sich daran zu erinnern, wie man geholfen hat, als jemand Liebeskummer oder Ärger im Job hatte. Ein "Es tut mir leid“ oder "Mir fehlen die Worte“ wiegt tausendmal mehr als Ratschläge wie "Zeit heilt alle Wunden“. "Man muss als Freundin zudem mit einer Tatsache klarkommen: dass man, egal wie gut man sich versteht, den gestorbenen Vater oder das verlorene Kind nicht ersetzen kann“, sagt Chris Paul, Leiterin des Trauerinstituts Deutschland und Autorin von "Keine Angst vor fremden Tränen! Trauernden Freunden und Angehörigen begegnen“ (Gütersloher Verlagshaus, 17,99 Euro). "Oft denken Trauernde selbst, dass sie gerade eine schlechte Freundin sind. Redet man darüber, kann man sich gegenseitig entspannen.“

Auch mal Klartext reden

Es gibt aber auch diese Freundschaftsmomente, in denen klare Ansagen angezeigt sind. Wenn die Freundin, kaum trifft sie einen tollen Mann, "den Richtigen diesmal!“, verzückt durch sein Leben wirbelt. Und dann der „Richtige“ doch eine Mogelpackung war. Und wieder schniefend fragt: "Warum zieh ich immer so komische Typen an?“ Ja, dann ist es an der Zeit, ihr mal einen Wink zu geben. Sie darauf zu schubsen, dass sie den Männern eh keine Chance gibt. Sondern angewidert das Weite sucht, sobald er lieber einmal feiern geht, anstatt sie zum romantischen Essen einzuladen. Vielleicht hat sie zu strenge Maßstäbe? Zu wenig Ausdauer? Freunde dürfen auch mal Tacheles reden. "Wenn sie vorher um Erlaubnis bitten, ob die andere wirklich ihre Meinung wissen will“, sagt Katja Kruckeberg. "Konkret, aber vorsichtig und wertschätzend sagen, was sie beobachtet haben.“ Auch wenn es wehtut, weiß eine Freundin ohnehin: Sie will mich nicht nerven, sondern nur, dass ich glücklich werde. Auf Marens Frage ist mir damals doch noch eine Antwort eingefallen: "Ich würde auf meinen Bauch hören. Sagt der: 'Tu es, sonst wirst du es bereuen!‘, dann tu es. Küss ihn. Aber wie ich dich kenne, hast du dich eh längst entschieden, oder?“ Hatte sie auch. Sie hat Jens geküsst – ein Jahr ist das jetzt her. Letzte Woche haben die beiden geheiratet.

Wie hört man richtig zu? Sieben Tipps von Coach Dr. Katja Kruckeberg

1. Lassen Sie die Freundin erzählen – ohne ihre Sätze zu beenden, ohne mit "aber“ und "andererseits“ zu unterbrechen.

2. "Kenn ich!“ klingt einfühlsam, ist es aber nicht. Wer angesichts ihres cholerischen Chefs drei andere "Strombergs“ ins Feld führt, bagatellisiert nur das Problem.

3. Bewerten Sie nicht schon in Gedanken, während sie noch redet – wie "wieder ein Macho!“ oder "das wird nichts mehr“. Lösen Sie sich davon, was Sie über sie wissen oder zu wissen meinen, egal, wie liebevoll es gemeint ist.

4. Stoßen Sie sie auf neue Aspekte, anstatt ihr nach dem Mund zu reden: "Wie kommt es, dass dein Chef jede Idee ablehnt?“

5. Stellen Sie offene Fragen, die lassen am besten klarsehen: "Was brauchst du jetzt?“ "Was fehlt dir am meisten?„ "Wo soll es hingehen?“ Man kann auch imaginär andere Meinungen hinzuholen: "Wie sieht deine Kollegin das?“ Oder versuchen Sie mit Fragen, neue Aspekte zu ergründen: "Wie ist es denn eigentlich dazu gekommen?“

6. Horchen Sie ab und zu nach, ob Sie alles richtig verstanden haben (und fassen Sie zusammen), was sie erzählt. Das hilft ihr, weiter zu sortieren.

7. Finden beide es toll, sich so Feedback zu geben, machen Sie ein festes Event daraus. Sich z. B. zum Freundinnen-Coaching treffen, in dem man bespricht, was anliegt – und sich so gegenseitig voranbringt.

Mehr Tipps in "Tausche Abendessen gegen Coaching: 40 motivierende Ideen für Gespräche unter Freundinnen“ von Katja Kruckeberg (Kösel, 17,99 Euro).

Schlagworte:
Autor:
Christine Ritzenhoff