Job Schluff-Look statt Pencil Skirt: Die Vor- und Nachteile von Homeoffice

Ihr Business-Outfit? Die Jogginghose. Ihr Arbeitsplatz? Die Couch. Ihre Arbeitszeit? Wenn das Kind im Bett ist… Homeoffice kann toll sein – aber auch verdammt tückisch, weiß PETRA-Autorin Judith-Maria Gillies
Frau mit Kaffee am Laptop

Es gab diesen Traum. Ich träumte ihn, wenn ich auf dem Weg zur Arbeit im Berufsverkehr steckte. Auf dem Beifahrersitz lag ein krümelndes Croissant formerly known as Frühstück, und an jeder roten Ampel versuchte ich noch schnell, Mascara aufzutragen. In meinem Traum saß ich weit ab von Stau und Stress. Ich lungerte gemütlich mit meinen fluffigen Pantoffeln auf der Couch, mit einer duftenden Tasse Tee neben mir. Auf den Knien balancierte ich meinen Laptop und tippte und tippte und tippte – weil einfach alles nur so aus mir herausfloss: kreative Ideen. brillante Gedanken. Alles, was im schnöden Büroalltag sofort im Keim erstickt wird. Von nervenden Kollegen und polternden Chefs, in endlosen Meetingmarathons. Auf meinem Sofa aber, da arbeitete es sich mühelos und ungezwungen.

So stellte ich mir mein Homeoffice vor. Ich bin nicht allein mit meiner Vision: Die große Mehrheit der Arbeitnehmer hierzulande wünscht sich, auch mal von daheim aus arbeiten zu können. Und rund jeder zehnte Erwerbstätige hat sich diesen Traum schon erfüllt, wie eine Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom unter 1000 Personen ergab.

Schreibtisch statt Couch

Was diese Menschen wissen: Die Homeoffice-Realität sieht leider ein klitzekleines bisschen anders als mein Traum aus. Also zunächst mal: Niemand – und damit meine ich wirklich – niemand kann auf der Couch arbeiten. Zumindest nicht, wenn man ernsthaft Projekte bearbeiten oder Strategien entwickeln oder Kunden akquirieren will. Dazu muss man irgendwie in einen eigenen Arbeitsmodus kommen. Und das geht nun mal am besten an einem vernünftigen Schreibtisch und noch besser in einem abschließbaren Arbeitszimmer. Punkt. Und was die Sache mit den fluffigen Pantoffeln angeht: Wer so ein Outfit bei der Arbeit trägt, wird das eigene Betriebssystem garantiert nicht hochfahren können. Genauso übrigens sieht es mit dem Traum vom Leben ohne den morgendlichen Wecker aus. Spätestens, wenn man merkt, dass man auf diese Weise schlicht und ergreifend die produktivste Zeit des Arbeitstages verschlafen hat, stellt man ihn wieder an. Und: Kaum will man loslegen, schreit das Baby der Nachbarn oder der Obermieter übt Tuba.

Ablenkungen lauern überall

Im Homeoffice wird einem plötzlich bewusst: Das Haus, in dem wir wohnen, lebt! Und zwar nicht nur, wenn wir nach Feierabend heimkommen. Sondern auch tagsüber. Ablenkungen lauern überall. Das belegt auch eine Studie des Businesscenter-Anbieters Regus, der mehr als 24 000 Berufstätige aus mehr als 90 Ländern befragte. Der Hälfte der Interviewten fiel es superschwer, sich zu Hause dauerhaft zu konzentrieren. Jeder Vierte fühlte sich dort durch Lärm, schlechte Internetverbindungen oder fehlende Unterlagen eingeschränkt. Satte 59 Prozent sahen Störungen durch Kinder oder andere Familienangehörige als das größte Problem – in Deutschland fürchteten dies sogar fast drei Viertel aller Befragten (73 Prozent). Eine andere Herausforderung: Zu Hause findet sich niemand mehr, der hilft, wenn der Computer abschmiert. IT-Support? Fehlanzeige. Und dann wäre da noch die Lüge vom Powernap. Sich nach dem Essen „kurz mal“ hinzulegen, um danach voll erfrischt durchzustarten? Nun ja. Dass aus dem kurzen Mittagsschläfchen locker mal eine Stunde Ratzeschlaf mit einem drei Stunden folgenden Kreislaufeinbruch werden kann, konnten wir ja nicht ahnen...

Die Bedenken der Chefs

Fazit: Ohne Chef- und Sozialkontrolle der Firma müssen selbst disziplinierteste Wesen aufpassen, nicht zu verlottern oder wegen akuter Kreativitätsflauten ihre Karriere aufs Spiel zu setzen. Denn: Im Homeoffice lauern nicht nur Fallen für uns Telearbeiter, sondern auch für die Vorgesetzten in der Firma. „Es besteht die Gefahr, dass sich Telearbeiter von ihrem Chef und den Kollegen distanzieren“, erklärt Stephan Pfisterer, Personal- und Arbeitsmarktexperte des Bitkom. Anders herum befürchten viele Führungskräfte Schlimmes, wenn sie Heimarbeit erlauben: Sie sorgen sich um die Zuverlässigkeit, Erreichbarkeit in Notsituationen, die Kreativität und Produktivität. Vor diesem Hintergrund fast kein Wunder, dass Yahoo-Chefin Marissa Mayer die Telearbeit in ihrer Firma kurzerhand untersagte.

Homeoffice ohne Exoten-Status

Okay, kapiert: Das Homeoffice ist also kein Selbstläufer, sondern eine Herausforderung für alle Beteiligten. Besonders für die Leitenden. „Seinen Mitarbeitern nur einfach zu sagen "Geh nach Hause und arbeite", reicht nicht, sagt Stefan Rief, Leiter des Competence Centers Workspace Innovation am Fraunhofer-Institut Arbeitswirtschaft und Organisation IAO in Stuttgart. In Sachen Telearbeit müssten Vorgesetzte individuell führen, fordert Rief. Dabei sollten sie stets den Interessenausgleich zwischen den betrieblichen Zielen und den Wünschen von Tele- und Präsenzarbeitern im Blick behalten. „Telearbeiter sollten nicht als Exoten gelten, die vom Chef eine Extrawurst bekommen“, so Rief. Also: Nicht nur ein paar Vorzeige-Eltern ihre Homeoffice-Tage genehmigen, sondern auch anderen Mitarbeitern – „gern zum Beispiel Singles, die sich durch Telearbeit das Pendeln sparen können“, so der Vorschlag des Wissenschaftlers. Klappen kann das Experiment, wenn sich alle an feste Regeln halten (siehe nächste Seite). Aber hey: Wer die beherzigt, kann seinen ganz persönlichen Traum wahr werden lassen – so wie ich vor zwölf Jahren! Ein Spaziergang war das nicht – weder in Pantoffeln noch in Pumps. Aber ich würde ihn jederzeit wieder antreten.

Schlagworte:
Autor:
Judith-Maria Gillies
Seite 1 : Schluff-Look statt Pencil Skirt: Die Vor- und Nachteile von Homeoffice