Leben Das ist mir nicht peinlich. Ich bin so!

Jeden Trend mitmachen. Alles ausprobieren. Muss ja nicht sein! PETRA-Autorin Wiebke Brauer über die gewisse Gelassenheit im Umgang mit der Welt – und sich selbst.
Mädchen mit Spaß-Schnurrbart aus eigenem Haar

Auf einer Party in eine leere Champagnerflasche "Born to be alive" singen und sich am nächsten Morgen nicht die Bohne dafür schämen? Kein Problem. Kurze Röcke tragen, obwohl man mit den Beinen „nicht so schnell vom Deich geweht wird“, wie ein Mann einmal sagte? Sicher! Habe ich immer gemacht und werde ich wohl immer tun. Auf der anderen Seite: Jeden Modetrend mitmachen? Bloß nicht! Ich sehe in den angesagten Egg-Shape-Mänteln aus wie SpongeBob. Muss ja nicht sein. Wobei ich erst lernen musste, dass man bestimmte Dinge irgendwann nicht mehr nötig hat. Mit Männern aus Höflichkeit ins Bett gehen zum Beispiel. Auf Familienfesten lieb sein, weil es sich so gehört. Umzugskisten für andere schleppen. Nein, es gibt vieles, was man sich nicht mehr antun muss – und vieles, was einem nicht mehr so wichtig erscheint. Konventionen zum Beispiel. Oder die Meinungen anderer. Vielleicht ist dieses innere Schulterzucken ein gnädiges Geschenk, das uns Frauen mit der Zeit zuteil wird.

Einige Menschen sind von Natur aus lässig

Wobei es auch Menschen zu geben scheint, die damit auf die Welt kommen. Tilda Swinton oder Lena Dunham zum Beispiel. Frauen, die sich nicht darum zu scheren scheinen, was andere von ihnen denken – und die einen daran erinnern, dass es viel gesünder und sympathischer ist, wenn man seine Kanten pflegt, anstatt zu versuchen, sie glatt zu schmirgeln. Das böse Wort heißt „angekommen“ und klingt nach Selbstfindungskursen in der Toskana. Das gute Wort heißt "entspannt". Klar kann man sich von morgens bis abends über seine Falten und Eigenheiten grämen – man kann es auch lassen und sie genauso hinnehmen wie seine zunehmende Spießigkeit. Kochrezepte sammeln, ein Bettjäckchen besitzen und seine Schuhe auf Schuhspanner ziehen – das fand man einst lächerlich, heute selbstverständlich.

Früher war einem alles peinlich

Herrje, was kann man froh sein, dass man nicht mehr süße 17 ist und einem alles, wirklich alles, peinlich ist. Wenn man nicht gerade damit beschäftigt war, sich die Beine dünn zu hungern (natürlich ein aussichtsloses Unterfangen, aber das weiß man erst 10 Jahre später), war man ununterbrochen damit beschäftigt, seine Identität zu finden. Man suchte überall danach: in den Betten fremder Männer, in blauen Rauchkringeln von Zigaretten und in Zwei-Liter-Sangria-Flaschen. Alles musste ausprobiert werden. Ich hoffe, dass ich der einzige Mensch auf diesem Planeten bin, der die Fäden aus einer Bananenschale trocknete und rauchte (tun Sie es nie, es sei denn, sie sind Teilnehmerin einer Kopfschmerzmittel-Studie). Nebenher suchte man sein wahres Ich in grässlichen modischen Eskapaden, hörte Gruftmusik und Disco-Knaller, bestäubte sich abwechselnd mit orientalischen Düften und 4711. Man machte unzählige Psychotests, um zu ergründen, welcher Haustier-, Urlaubs- oder Datingtyp man ist. Seiner Identität kam man damit nicht unbedingt näher.

So wurde ich zu dem Mensch, der ich bin

Was die ausmacht, lernte man während durchzechter Nächte und durchweinter Tage. Man fiel auf die Nase, man stand wieder auf. Verbog sich für andere Menschen, bis man ganz schief und unglücklich war. Wurde von einer Freundin enttäuscht und lernte daraus, dass Freundschaften ein kostbares Gut sind, das zwar meist prima von allein funktioniert, aber das man zwischendurch pflegen muss wie ein fiebriges Kind. Irgendwann verstand man, dass Coolness keine Frage des Alters ist. Spätestens dann, wenn auf einer Hochzeit neben einem 70-jährige Herrschaften aus dem Münsterland über die Dielen hopsten, als ob es kein Morgen gäbe. Das war cool! So wollte man auch werden. Tja, und was kommt bei so einem Langzeitprojekt namens Leben heraus? Eine Frau, die sich selbst auf die harte Tour ziemlich gut kennengelernt hat. Eine Frau mit einem relativ hohen Spießigkeits- und Authentizitäts- Faktor. Der Witz ist ja, dass Authentizität voll im Trend liegt. Alles muss plötzlich ganz echt und natürlich sein, jeder Küchenstuhl selbst geschreinert, jeder Casting-Kandidat wahrhaftig sein. Wenn ich mir einen authentischen Menschen vorstelle, denke ich an jemanden, der in Übereinstimmung mit sich selbst, seinen Überzeugungen und Werten lebt. Schade eigentlich. In diesem Sinne werde ich nämlich kein Veganer, auch wenn es voll im Trend liegt und meinen Werten gut stünde. Aber ich weigere mich, auf Honigbrote zu verzichten. Und ich will mich nicht an den Geschmack von Sojamilch gewöhnen. Sie schmeckt eklig. Punkt. Da bleibe ich mir ganz treu.

10 Sätze, die wir heute sagen können, ohne rot zu werden
Text
  1. Nee, selbst gestrickt.
  2. Für die Reinigung des Rotweinflecks auf dem Sofa kommt bitte deine Haftpflicht auf.
  3. Ja, das ist ein Burberry. Da hat man was fürs Leben.
  4. Für mich nur noch ein Wasser, ich muss morgen früh raus.
  5. Ich koche heute ein.
  6. Laktose vertrage ich schlecht.
  7. Ich gebe kein Trinkgeld. Der Service war einfach mies.
  8. Ja, ich war die letzten drei Jahre auch auf Malle im Urlaub. Na und?
  9. Man muss ja nicht jeden Trend mitmachen.
  10. Ist abends schon kühl.

Authentizität vs. Zickigkeit

Die Sache mit der Authentizität gestaltet sich allerdings oft als schwierig, weil das Thema von vielen Missverständnissen begleitet wird. Etwa dem, dass Echtheit darin besteht, seinen Gefühlen sofort nachzugeben. Oder dass man als Persönlichkeit schwierig sein muss. Frauen, die im Restaurant erst kompliziert einen grünen Salat bestellen und dann den Kellner zusammenstauchen, weil versehentlich eine Schnecke unter einem Rucola-Blatt saß, haben eine Sache vergessen: Es ist okay, sich nicht alles gefallen zu lassen. Aber es zeugt nicht von Charakter, anderen das Leben schwer zu machen. Es ist eindeutig lässiger, mit den Schultern zu zucken, die Schnecke nach draußen zu bringen und den Teller leer zu essen. Das Leben ist kein Ponyhof, das weiß man irgendwann. Aber schuld daran sind nicht immer die anderen. Es kann auch nicht immer darum gehen, barfuß durch den Regen zu tanzen und sich und seine Spleens unheimlich gelungen zu finden. Natürlich möchte man so konsequent sein wie der schwarze Schlumpf. Aber wie soll das gehen, wenn man manchmal an sich selbst zweifelt und in einer Gesellschaft lebt, in der Heucheln zum guten Ton gehört? Natürlich tritt man heute selbstbewusster auf als noch als Teenager. Man hat gelernt, im Job bei einer Präsentation eine gute Show zu machen, in einer Konferenz die Ellenbogen auszufahren, einen hässlichen wie heiß geliebten Pulli anzuziehen und sich nicht um das Geschwätz der anderen zu kümmern. Aber das heißt nicht, dass man sich nicht vor der Präsentation schlaflos im Bett herumwälzte – oder nach der Konferenz stundenlang darüber grübelt, ob man etwas Falsches gesagt hat. Klar mache ich mir viele Gedanken – und ich bin genauso verlogen wie jede andere Frau auf diesem Planeten. ("Gaaaaanz tolle Frisur, Corinna"). Aber ich weiß eben auch darum. Was die Sache mit dem Heucheln angeht – klar wäre es schön, sich nicht mehr zu verbiegen und ohne Fehl zu sein. Intuitiv wissen wir ja, dass es uns guttut, uns selbst treu zu bleiben und wahrhaftig zu sein. Nicht umsonst haben viele von uns von Zeit zu Zeit das Gefühl, im falschen Film zu stecken. Und wie sehr bewundern wir Menschen, die alles hinschmeißen und nur noch ihr Ding machen! Sollte man sich das nicht auch trauen? Sollte man vielleicht. Aber bis dahin könnte man ja erst mal wieder öfter in eine leere Champagnerflasche singen. Ist vielleicht peinlich, macht aber unheimlich viel Spaß.

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Autor:
Wiebke Brauer