Leben Bin ich nur schlapp oder schon depressiv?

Träge, lustlos, melancholisch – das sind wir alle mal. Aber was, wenn daraus ein Dauerzustand wird? Dann könnte es sein, dass eine Dysthymie dahintersteckt. PETRA- Autorin Bonnie Stenken über eine noch recht unbekannte Form von Depression – und wo man sich Hilfe holen kann
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Lustlosigkeit beherrscht den Alltag

Bin ich depressiv?

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Manchmal ist drinnen das neue Draußen: Morgens öffnet man ein Auge, dreht den Kopf zum Fenster, blickt in einen wolkenverhangenen Himmel und denkt sich: „Nö. Ich mag nicht.“ An solchen Tagen macht man einen großen Bogen um den Spiegel – den Anblick der Vogelnest-Haare kann man sich auch sparen. Stattdessen lauten die einzig akzeptablen Ziele: zuerst der Kühlschrank, dann das Sofa. Das ändert sich auch am Nachmittag nicht, wo Sport oder ein Treffen mit Freunden sowieso keine Option sind – man würde ja die neue Staffel „Downton Abbey“ vernachlässigen. Außerdem sitzt der Pyjama mit dem Katzenprint schon wie eine zweite Haut – praktisch. Am Abend hat sich dann auf der Couch eine kleine gemütliche Sitzkuhle gebildet, perfekt an den eigenen Hintern angepasst. Und während die adlige Crawley-Familie in Dauerrotation über den Bildschirm flimmert, steckt man sich den letzten Löffel Ben-&-Jerry’s-Eis in den Mund – und schläft mit schokoladenverschmierten Lippen ein. Klar, so eine Phase machen wir alle mal durch. In der alles egal ist und die Wohnung der beste Freund zu sein scheint. Bis man wieder aufsteht, vor die Tür geht und der Welt sagt: „Da bin ich wieder.“ Schwierig wird es nur, wenn aus ein paar gammeligen Tagen ganze Monate werden, in denen einem alles trüb erscheint. Und man selbst bei den witzigsten Stellen der Lieblingsserie ein Gesicht wie Grumpy Cat zieht. Dann sollte man sich zu Recht fragen: Habe ich etwa ein Problem?

Symptome: Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwäche und Schlafstörung

Dysthymie könnte der Grund für diese Dauerverstimmung sein. Das Wort kommt aus dem Altgriechischen und bedeutet „schweres Gemüt“: „dys“ steht für „schwer“; „thymos“ für „Gemüt“. Der Begriff wurde erst in den späten Siebzigerjahren, als Ersatz für „neurotische Depression“, eingeführt. In Deutschland sind drei Prozent von der Krankheit betroffen, das sind 2,4 Millionen Menschen. Zu den drei Prozent der Dysthymie-Patienten gehört auch die 29-jährige Emma Seifert (Name geändert) aus Hessen. Mit Anfang zwanzig fühlte sie sich zunehmend schwermütig, lustlos und traurig. Die Versicherungskauffrau verließ nur ungern das Haus. „Ich schleppte mich ins Büro, und sobald ich zu Hause war, liefen meine Gedanken im Kreis.“ Wenn sie doch mal mit Freunden eine Party besuchte, stand sie nur in der Ecke.„Früher machte es mir Spaß, auszugehen. Aber in dieser Zeit blickte ich in die fröhlichen Gesichter, beobachtete die ausgelassene Stimmung – und fühlte mich leer. Wie eine ausgehöhlte Puppe.“ Diese Symptome sind typisch für das Bild der Dysthymie: So gehören vor allem Traurigkeit, Antriebslosigkeit, Konzentrationsschwierigkeiten, Schlafstörungen, ein ausgeprägtes Schuldempfinden, fehlende Begeisterungs- und Empathiefähigkeit und ein geringes Selbstwertgefühl dazu. „Liegen mehrere dieser Merkmale vor, kann man von einer Dysthymie sprechen“, sagt Ulrich Hegerl, Psychiater und Vorstandsvorsitzender der „Stiftung Deutsche Depressionshilfe“. Depressionen verlaufen episodisch und werden oft von körperlichen Beschwerden und mangelndem Lebensmut begleitet. Eine Dysthymie hält dagegen kontinuierlich bis zu zwei Jahre an und ist eine abgeschwächte Form der Depression, weil sie nicht alle Kriterien für das Vollbild erfüllt. Von Dysthymie sind doppelt so viele Frauen wie Männer betroffen. Ulrich Hegerl: „Das ist hormonell bedingt.“ Hormonell? „Frauen können meistens ihre Gefühle besser wahrnehmen und anderen mitteilen.“ 

Auslöser sind meist traumatische Erlebnisse oder plötzliche Veränderungen im Leben

Ja, zugegeben: Bereits nach den ersten Minuten von „Schlaflos in Seattle“ können wir die Uhr danach stellen, bis wir vor Rührung weinen müssen. Laut Wissenschaft spielen aber nicht nur biologische, sondern auch soziale Faktoren eine Rolle bei der Dysthymie: Frauen fühlen sich für ihre Beziehungen verantwortlich und geraten oft ins Grübeln, wenn es anderen nicht gut geht. Die Wurzeln dessen wiederum liegen vor allem in der Sozialisation: Mädchen werden anders erzogen als Jungs. Außerdem reagieren Frauen oftmals stärker auf Stress – sei es in der Partnerschaft oder im Job. Und sie neigen in beidem zum Perfektionismus. Ulrich Hegerl: „Kann eine Vererbung ausgeschlossen werden, sind Trennungen, Stress und Überforderung oft der Grund für eine Erkrankung.“ Das trifft auch auf Emma zu. Denn als sich ihr langjähriger Freund von ihr trennte und es im Job auch alles andere als rundlief, verstärkten sich die Symptome: „Ich hatte mit starkem Liebeskummer und außerdem der Angst vor Arbeitslosigkeit zu kämpfen“, erzählt sie und schaut auf den Boden. Ihre langen blonden Haare fallen ihr dabei ins Gesicht. „Manchmal musste ich während der Arbeit weinen. Oder einfach so in der Bahn.“ Einmal wurde sie sogar von einer fremden Frau im Bus gefragt, ob alles okay sei: „Sie sagte, ich würde so traurig aussehen.“ In seltenen Fällen gibt es aber auch gar keinen konkreten Auslöser, oder, so Hegerl, „die Veranlagung zu einer Dysthymie kann durch Traumatisierungen in der Kindheit gelegt werden“. Und auch das trifft auf Emma zu. Sie hat vier jüngere Brüder, fühlte sich wie das schwarze Schaf der Familie. „Meine Mutter ließ mich das auch spüren.“ Diese Probleme waren also der Grund für die Dysthymie. Emma begann zu recherchieren. „Ich wollte wissen, ob ich nur an einem Dauerblues leide oder ob mehr dahintersteckt. Immerzu betrübt zu sein und die Welt durch einen Grauschleier zu sehen kam mir irgendwann nicht mehr normal vor. Ich wollte meinen ‚dunklen Feind‘ loswerden“, erzählt sie mit entschlossener Stimme, während sich ihre rechte Hand zu einer Faust ballt. Emma war erleichtert, als sie endlich erfuhr, woran sie litt und woher das ständige Nachdenken, Zweifeln und Trübsalblasen kamen. Und dass das alles keine Frage des Typs ist, nach dem Motto „So bin ich halt“. 

Mit Antidepressiva zurück zur Lebensfreude

Emma erzählte nur ihren engsten Freunden von der Dysthymie. Schon vorher hatten diese bemerkt, dass etwas mit ihr nicht stimmte. Denn sie sagte kurzfristig Verabredungen ab, zog sich zurück. „Ich wollte keinem die Stimmung vermiesen. Und das hätte ich.“ Stattdessen starrte sie aus dem Fenster, ließ den Haushalt liegen und aß kaum noch etwas. Weil sie sich so abkapselte, verlor sie eine Freundin; eine andere blieb an ihrer Seite. „In solchen Lebensphasen weiß man eben, wer zu einem hält.“ Als Angehöriger ist es schwer, jemand Nahestehenden leiden zu sehen. Sicher, man kann trösten und einfach für denjenigen da sein, aber die Probleme auffangen? Unmöglich. Zudem ist niemand allein schuld an der Erkrankung – weder der Betroffene noch ein Angehöriger. Emma wurde immer wieder gesagt, sie solle doch mal lächeln oder sich nicht so anstellen. So ein Appell bewirkt bei Betroffenen nur, dass sie genervt sind. Genauso wie man einer Frau mit Liebeskummer nicht sagen sollte: „Andere Mütter haben auch schöne Söhne“, ist es sinnlos, einen Dysthymie-Patienten zwanghaft ermuntern zu wollen. Denn hier geht es nicht um einen schwarzen Tag, sondern um eine Krankheit. Kritisch wird es allerdings, wenn die Krankheit nicht erkannt wird. „Viele Betroffene quälen sich durchs Leben, gehen nicht zum Arzt und geben sich selbst die Schuld“, sagt Hegerl. Geht es um die Behandlung von Dysthymie, scheiden sich die Geister: Einige Therapeuten sehen in der Psychotherapie eine Notwendigkeit und halten wenig von Antidepressiva. Andere setzen auf eine Kombination von beidem. Ulrich Hegerl spricht sich für Antidepressiva aus: „Antidepressiva machen weder abhängig, noch führen sie zu einer Persönlichkeitsveränderung. Fakt ist: Sie helfen beim Abklingen depressiver Symptome.“ Den Weg aus der Dysthymie ging Emma selbst – sie las viel, dann verbesserten sich die Lebensumstände, langsam verzog sich der graue Schleier. Inzwischen führt sie ein normales Leben. Sicher gibt es auch mal Tage, die sie auf dem Sofa verbringt und an denen sie die Wohnung nicht verlässt. Aber das ist dann okay. Sie kennt ja jetzt den dunklen Feind – und der taucht hoffentlich nie wieder auf.