Seitensprung 2.0 Ab wann gehen wir online fremd?

Chatten, tindern, whatsappen - das Internet verändert nicht nur unsere Kommunikation, sondern auch unsere Definition von Treue. Ab wann zählt der Betrug im Netz?
Eine Frau schaut auf ihr Handy - geht sie online fremd?

Es fängt alles ganz harmlos an

Es fängt meist ganz unschuldig an: Wir flirten ein bisschen mit Marc bei Facebook, wischen uns in der Mittagspause kurz durch Tinder und scherzen mit dem netten neuen Kollegen noch weit nach Feierabend bei Whatsapp. Auch wenn der Mann, den wir lieben, neben uns auf dem Sofa sitzt. Wenn der mal sachte fragt, wem wir die ganze Zeit grinsend Nachrichten schreiben, knallen wir ihm eine glatte Lüge ins Gesicht: „Du, die Andrea ist frisch getrennt und hat jetzt wieder mehr Zeit.“ Und unser schlechtes Gewissen? Meldet sich nur ganz selten. Es ist ja nicht körperlich, sagen wir uns. Und überhaupt: Wir sind ja nicht die Einzigen, die das machen. Allerdings nicht, wie eine aktuelle Studie des Marktforschungsinstituts GlobalWebIndex zeigt. 47 000 Tinder-User wurden nach ihrem Beziehungsstatus befragt. Das Ergebnis: 30 Prozent der Dating-App-Nutzer sind verheiratet. Weitere zwölf Prozent leben in einer festen Partnerschaft.

Wo fängt Betrug im Netz an?

Offensichtlich ist das Internet eine graue Zone, wenn es um die Definition von Treue geht. Knallvoll auf einer Party fremdknutschen, das gilt in den allermeisten Beziehungen schon als Betrug. Aber was ist mit einem geschriebenen Kuss? Wo genau fängt der Betrug im Netz an? Muss man sich anfassen? „Sexueller Kontakt ist nicht notwendig, um Betrug am Partner zu verüben“, schrieb 2003 die US-amerikanische Paartherapeutin Shirley P. Glass in ihrem Buch „Die Psychologie der Untreue“. Was eine harmlose Internet-Freundschaft von einer virtuellen Affäre unterscheidet, sind laut der Psychologin folgende Kriterien: emotionale Intimität, sexuelle Chemie und Heimlichkeit. Stichwort Intimität: Es ist schon erstaunlich, wie nah man sich im Netz kommt. Wenn wir mal ehrlich sind, ist es durchaus schon passiert, dass wir jemandem im anonymen Internetorbit Dinge gestanden haben, die uns in der analogen Welt nicht mal nach fünf Aperol Spritz über die Lippen kämen. Da erzählen wir unserem Tinder-Match nach zwei Tagen, dass wir trotz eines Masters in Kommunikation vor jeder Präsentation auf der Toilette hyperventilieren. Oder, dass wir mit 13 adoptiert wurden. Es klingt paradox, aber je weiter wir körperlich voneinander entfernt sind, desto mehr Nähe lassen wir zu. Wir erlauben uns, Dinge so zu sagen, wie sie uns in den Sinn kommen. Weil wir dem Menschen, mit dem wir gerade kommunizieren, nicht in die Augen schauen müssen und nicht das Gefühl haben, direkt bewertet zu werden. Außerdem ermöglicht uns die digitale Welt, in andere Rollen zu schlüpfen, zu experimentieren. Hier können wir clever, witzig und poetisch sein, während uns im realen Leben eine schlagfertige Bemerkung erst drei Stunden später einfällt. Die Distanz im Netz macht die emotionale Nähe so einfach.

Wie kommt sexuelle Spannung auf?

Franziska Kühne ist Psychotherapeutin in Berlin. Zu ihr in die Praxis kommen Menschen, die ihre sexuellen Bedürfnisse fast ausschließlich im Netz befriedigen. Sie sagt: „Internetsexualität ist attraktiv, weil man sich in diesem geschützten Raum nicht schämen muss. Stimmungen und Gefühle sind nicht sichtbar und vom jeweils anderen frei interpretierbar.“ Gefährlich wird es, wenn sexuelle Sehnsüchte in uns schlummern, die wir in der Realität nicht ansprechen. Haben wir uns erst mal emotional geöffnet, sind es nur ein paar Klicks, bis wir auch unerfüllte sexuelle Bedürfnisse auf unser virtuelles Gegenüber projizieren. Wenn wir uns heimlich wünschen, leidenschaftlich in einem dunklen Hauseingang verführt zu werden, wird der Mensch vor dem anderen Bildschirm diese Sehnsucht in unserer Fantasie erfüllen. Ohne Speckbauch und kratzende Bartstoppeln. Was die Sache noch prickelnder macht, ist die Gewissheit, dass aus unserer geschriebenen Leidenschaft kein realer Sex entsteht. Der Mann, mit dem wir virtuell Liebe machen, ist nicht nur fehlerlos, sondern auch unerreichbar. Wir können gefahrlos träumen und idealisieren, ohne uns die Finger zu verbrennen. Wobei das nicht ganz stimmt. Wir wollen nicht, dass unser digitales Abenteuer auffliegt, weil wir Angst vor den Folgen haben. Wenn der Liebste den Raum betritt, klappen wir fix den Rechner zu, wechseln unsere Passwörter und löschen Whatsapp-Verläufe. „Wenn Menschen entdecken, dass ihre Partner eine emotionale und sexuelle Onlineaffäre haben, sind sie am Boden zerstört. Soweit es den betrogenen Partner betrifft, besteht für sie oder ihn wenig Unterschied zwischen Betrug im Internet oder in einem schäbigen Hotel“, so die Psychologin Shirley P. Glass.

Kann man den virtuellen Seitensprung schneller verzeihen?

Das Auffliegen einer virtuellen Affäre bedeutet jedoch nicht zwangsläufig das Ende der Beziehung. Bei einer Umfrage des Seitensprungportals Gleeden waren 60 Prozent der Männer bereit, ihrer Partnerin digitale Untreue zu verzeihen. Wir Frauen sind da weitaus nachtragender. Lediglich 40 Prozent wären bereit zu verzeihen. Das könnte auch daran liegen, dass wir selbst ganz genau wissen, welches Wirrwarr eine solche virtuelle Affäre in unseren Köpfen anrichten kann. Während Männer Betrug mit Körperlichkeiten gleichsetzen, kennen Frauen die Macht der Worte. Man erinnere sich nur an die tragische Figur des Cyrano de Bergerac aus dem gleichnamigen Roman von Edmond Rostand. Bergerac verfasste Liebesbriefe an seine Angebetete – im Namen eines anderen Mannes. Die Dame verliebte sich in die Worte und in den Verehrer, von dem sie dachte, dass er ihr die glühenden Zeilen schrieb. Heute brauchen wir keine Tinte mehr, sondern eine schnelle DSL-Verbindung, um Gefühle zu entfachen. „Wir können uns im digitalen Zeitalter verlieben, ohne das Objekt unserer Begierde jemals gesehen oder berührt zu haben“, so die Paartherapeutin Shirley P. Glass. Wenn wir uns erst mal verliebt haben, ist der Bruch in unserer realen Beziehung kaum noch zu kitten. Aber wir können etwas tun, dass es gar nicht so weit kommt, nämlich uns bewusst machen, dass eine virtuelle Affäre zwar neu und aufregend ist, eine ehrliche reale Liebe aber nicht ersetzen kann.

Was sollte man sich vor Augen führen?

Echte analoge Beziehungen können anstrengend sein, frustrieren und uns manchmal zweifeln lassen. Beziehungen leben von Reibung und Konflikt, und oft passt zwischen den Anlagetermin bei der Bank und den Kauf von Gartenmöbeln keine prickelnde Erotik. Trotzdem ist eine virtuelle Affäre keine Alternative. Was man auch nicht vergessen darf: Sie kostet uns viel Zeit. Zeit, die für unseren realen Partner fehlt. Anstatt stundenlang aufs Handy zu starren, können wir den Menschen, der das Bett mit uns teilt, öfter berühren oder mit ihm darüber sprechen, was uns in der Beziehung fehlt. Ganz auf den virtuellen Austausch müssen wir aber nicht verzichten. Es ist völlig okay, sich bei Tinder hin und wieder Bestätigung zu holen und sein Ego zu puscheln. Das machen wir schließlich auch, wenn wir mit unseren Mädels durch die Bars ziehen. Wir dürfen die digitalen Avancen von Marc bei Facebook ruhig genießen und uns vorstellen, wie es wohl wäre, mit ihm durch die Betten zu toben. Solange wir uns klarmachen, dass auch er morgens mit Mundgeruch aufwacht und jeden Sonntag zum Essen zu seiner Mutti fährt.