Psychologie

Guter Sex! Sofort!

Ab 40, so heißt es, haben Frauen den besseren Sex. Birgit Querengäßer, 30, sieht nicht ein, warum sie noch zehn Jahre auf den Supersex warten soll. Das muss man doch schon früher hinkriegen … Zum Beispiel jetzt.

Sexy Frau

Bisher war ich nicht auf die Idee gekommen, 40-jährige Frauen zu beneiden. Worum auch? Es konnte ihnen wohl kaum besser gehen als mir. Wo immer man als Frau Ende 20, Anfang 30 hinkommt, es wird einem der rote Teppich ausgerollt. Männer öffnen die Tür, sie tragen die Taschen, manchmal bekommt man Getränke umsonst, und der Gemüsemann steckt augenzwinkernd ein paar Extrakirschen in die Tüte. It’s a man’s world, und die fruchtbare Frau ist der Ehrengast. „Ah, Sie ovulieren? Bitte hier entlang in den VIP-Bereich.“ 

Krähenfüße und graue Strähnchen im Haar sowie das Tragen vernünftiger Schuhe bereiten dem privilegierten Leben dann irgendwann ein Ende. Nach meiner Vorstellung dürften sich die Jahre zwischen Mitte 30 und Ende 40 ungefähr so anfühlen wie ein Umzug vom New Yorker Penthouse in die Slums von Mumbai. Mir bleiben demnach noch zehn Jahre (maximal 15, mit Sport und einer guten Augencreme), bis auch ich unsichtbar werde. Und die, die es jetzt schon sind, tun mir leid. 

„ICH WOLLTE IMMER NUR MEINEM PARTNER GEFALLEN, STATT MICH EINMAL ZU FRAGEN, WAS MIR DENN GEFÄLLT“ 

Oder besser: taten. Denn vor Kurzem las ich eine Meldung, die mich meine Sicht der Dinge ganz kräftig überdenken ließ: „Das britische Magazin ‚Health Plus‘ befragte 2000 Frauen zu ihrem Sexualleben. Das Ergebnis: 77 Prozent sagten aus, in den 40ern den besten Sex ihres Lebens zu haben.“ Ich stutzte. Moment mal. Wen interessieren Gratiskirschen, wenn man erstklassige Orgasmen haben kann? Falten hin oder her: Ich wollte schnellstens 40 sein; keine Lust, mich noch zehn Jahre lang mit Geschlechtsverkehr zweiter Klasse zufriedenzugeben. Ich will Supersex, und zwar sofort! In Ermangelung einer Zeitmaschine griff ich zum Telefon. Wenn ich schon nicht selbst die Zeit vorspulen kann, dachte ich, sollen mir eben meine Bekannten jenseits der 40 erzählen, was sie im Bett anders machen. Der Plan: learning by listening – von Frauen, die wissen, was sie wollen. 

Sandra ist 48 und alles andere als unsichtbar. Als ich sie das erste Mal traf, trug sie ein tief ausgeschnittenes Top mit schwarzen Bändern, die sich über ihrem Dekolleté spannten. Es war Arbeitskleidung, denn Sandra betreibt in Frankfurt am Main einen, äh, Spielzeugladen für Frauen namens InsideHer. Unvorstellbar, dass sie in ihrem Leben auch nur ein einziges Bett unbefriedigt verlassen hat. Meine Frage ist also mehr eine Formalie: „Wie hat sich dein Sexleben verändert?“ Sandra: „Ich täusche jetzt keine Orgasmen mehr vor.“ „Wie bitte?“ „Ja. Früher habe ich das getan. Mein Problem war: Alles, was ich wollte, war, meinem Partner zu gefallen. Anstatt mal herauszufinden, was eigentlich mir selbst gefällt.“ Damit, erzählte Sandra, habe sie eigentlich erst in ihren späten 30ern angefangen. Und dann verging noch viel Zeit, bis sie ihre Wünsche endlich aussprechen konnte. „Sexualität, wie sie mir selbst gefällt, habe ich erst seit ein paar Jahren.“ 

Einer Umfrage des Magazins „Top Santé“ nach sind Frauen ab 40 nicht nur experimentierfreudiger im Bett, sie trauen sich auch zu sagen, was sie anmacht – während Frauen unter 30, bevor sie Kritik üben müssen, lieber so tun, als sei alles paletti. „Ich habe gelernt: Wenn ich was will, muss ich es sagen. Und wenn ich was nicht will, muss ich’s auch sagen.“ Sandra glaubt, das kann man auch schon mit 30 lernen, und rät: „Tu nichts, worauf du keine Lust hast.“ Klingt einleuchtend. Notiz an mich selbst: nie wieder aus Höflichkeit an etwas lecken, das man eigentlich lieber ungeleckt gelassen hätte.

Schlagworte: