Ist doch eigentlich nichts dabei, so lange beide Single sind. Aber taugt „Casual-Sex“ als Alternative zu One-Night-Stands? Oder müssen wir Freundschaft und Liebe trennen? Darüber macht sich PETRA-Redakteurin Katja Kullmann so ihre Gedanken.
Die Lampions waren Schuld. Vielleicht auch die laue Nachtluft. Oder der Wodka. Womöglich auch die Blues-Musik, die lasziv aus dem Lokal ins Freie tröpfelte. Alex und ich saßen uns auf der Bar-Terrasse gegenüber, wie schon zwei- oder dreihundert Mal in unserem Leben, hielten Gläser mit harten Drinks in unseren Händen und sprachen über unser Standardthema: Liebe und Missverständnisse, Ärger und Begehren, Frauen und Männer – und warum das einfach nicht zusammenpassen will. Zwar sind auch wir „Frau und Mann“, potenziell also unvereinbar – dennoch zählt Alex zu meinen engsten Vertrauten. Im Grunde ist er die Busenfreundin, die ich nie hatte. Bei einem Punk-Konzert lernten wir uns kennen, irgendwann in den 90ern. Er war damals mit einer Geschichts-Studentin zusammen, ich mit einem Zahntechniker, und von Anfang an stand fest: Wir teilen eine Menge Interessen miteinander – aber nicht das Bett. „Ballerina-Schlappen stehen dir nicht, deine Beine sind zu kurz.“ So was darf Alex mir ungeschminkt sagen. „Wenn du tanzt, verrutschen deine Mundwinkel so komisch, pass’ da mal drauf auf.“ Umgekehrt nimmt er solche Hinweise auch von mir dankend an. Alle, Alex und mich eingeschlossen, haben unser Verhältnis stets als das akzeptiert, was es ist – oder die meiste Zeit war: eine der seltenen platonischen und daher unkomplizierten Freundschaften zwischen Testosteron und Östrogen. Egal, ob gerade Single oder gebunden, alle vier bis fünf Wochen treffen wir uns zumTratschen, breiten die Aktualitäten unseres jeweiligen Liebeslebens voreinander aus, trösten uns oder feuern uns an–und genießen die unverblümten Anmerkungen und Ratschläge des jeweils anderen Geschlechts. Er weiß von der Vorhautproblematik meines Ex-Freundes, ich von dem erotisch bedingten Hautausschlag seiner Amour fou. Für gewöhnlich betrinken wir uns, bis wir uns müde geredet haben, und verabschieden uns dann mit geschwisterlicher Umarmung: „Bis zum nächsten Mal, du Aufreißer!“ Und: „Lass deinen Mann am Leben, du Tier!“ Und: „Haha!“ Und: „Tschüs!“ Und: „Gute Nacht!“