Psychologie

Endlich zufrieden!

Ach, ist das schön gerade. Oder auch nicht – denn ständig hätten wir gern mehr, vergleichen uns mit anderen, sorgen uns um Morgen. Muss doch nicht sein! Das Zauberwort gegen die ständige Unzufriedenheit heisst Achtsamkeit. Aber was bedeutet das, und wie schafft man es, den Moment so richtig zu geniessen? Petra-Autorin Wiebke Brauer über die Freude am Augenblick.

Endlich zufrieden

Ein perfekter Augenblick. Also fast. Die Sonne schmilzt zwar ganz pittoresk ins Meer hinab, aber das Wasser könnte schon ein bisschen wärmer sein. Außerdem zwickt der Bikini, weil im Urlaub alles ein bisschen köstlicher schmeckte. Geld haben wir auch zu viel ausgegeben. Und Dänemark ist ja ganz nett, aber nächstes Jahr doch lieber Süden … In zwei Tagen geht’s schon wieder nach Hause zurück. Hoffentlich ohne Stau und ohne Krach. Das soll der Jahresurlaub gewesen sein? Na vielen Dank. Ja, mit der Wahrnehmung des Moments ist es so eine Sache. Dass Zeit eine flüchtige Angelegenheit ist, hat man ja inzwischen begriffen. Aber wie routiniert man es schafft, jeden kostbaren Moment zu atomisieren, indem man über das Für und Wider, das Gestern und die Sorgen von morgen grübelt, ist erstaunlich. Im Urlaub tun wir uns mit dem Genuss des Augenblicks schon schwer, im Alltag nimmt dieses Unvermögen skurrile Züge an: So stopft man unbewusst eine Ladung Kekse in sich hinein, starrt fassungslos auf die leere Packung und wundert sich, dass einem schlecht ist. Wo war man bloß in den letzten Minuten mit seinen Gedanken? Und wo in den letzten Monaten, war nicht eben noch Weihnachten? Ja, fast. Kein Wunder, dass man das Gefühl hat, dass das eigene Leben wie im Schnelldurchlauf vorüberzieht und man langsam Atemnot bekommt.

Ein Problem mit drei Facetten: Erstens können wir das gegenwärtige Glück kaum genießen, zweitens zerrinnt uns die Zeit zwischen den Fingern, und drittens nimmt der Termindruck stetig zu. Zu hastig hecheln wir durch die 53 Wochen im Jahr und wünschen uns zwischen Yogakurs und Stressmanagement ein bisschen Frieden. Laut Studien schätzen sich nur 25 Prozent der Bundesbürger als genussfähig ein; 40 Prozent sagen, sie würden es gern besser können – und 80 Prozent würden unterschreiben, dass Genuss wichtig für die Gesundheit sei. Aber wie lernt man, den Moment zu schätzen? Schon Faust plagte sich mit der inneren Unzufriedenheit herum und wünschte sich, zum Augenblick zu sagen: „Verweile doch! Du bist so schön!“ Allerdings ging die Nummer nur bedingt gut aus. Erleichterung verspricht nicht der Pakt mit dem Teufel, sondern das Wort „Achtsamkeit“. Grob gesagt wird damit die Fähigkeit bezeichnet, jeden Augenblick unseres täglichen Lebens bewusst wahrzunehmen. Dazu soll sie uns auf Gewohnheiten aufmerksam machen, mit denen wir uns selbst das Leben schwer machen, für Klarheit und Ausgeglichenheit sorgen und die Konzentration schärfen. Leider klingt „Achtsamkeit“ befremdlich nach Räucherkerzen und Omm-Singen – und weil es seit einigen Jahren wieder schwer in Mode gekommen ist, wird Achtsamkeit gern für jeden Zweck verbraten. Coaches bringen überspannten Managern bei, wie sie mit der Methode abschalten, Frauen versuchen sich mit Achtsamkeits-Diäten den Speck von den Hüften zu meditieren, Ratgeberautoren lassen sich darüber aus, wie man achtsam seine Kinder erzieht oder sich besonders achtsam mit seinem Partner in die Haare bekommt. Wer immer noch nicht genug hat, kann achtsam kochen und über das „Lächeln der Radieschen“ sinnieren. Kein Witz, so heißt der Titel eines vegetarischen Kochbuchs. Zen macht eben auch vor der Küche keinen Halt. Schade eigentlich, denn Achtsamkeit ist eine jahrtausendealte buddhistische Tradition mit einer ehrenwerten Absicht – Buddha wollte das Leid der Menschen lindern. Mit Religion hatte Achtsamkeit übrigens herzlich wenig zu tun, denn Buddha selbst befahl seinen Schülern, an nichts zu glauben, nur weil es in Büchern geschrieben steht.

1 2 3