Psychologie

Ich arbeite, also bin ich

Rechtsanwältin, Krankenschwester, Werberin – was wir jeden Tag tun, macht mehr mit uns, als das Konto füllen. Vor allem, wenn wir es lieben. Warum gerade die Selbstverwirklichung ein Knochenjob sein kann und wie sie auch mal entspannen, steht hier.

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Neulich in einer Bar in Berlin. Meine Freundinnen Jana, Katharina und ich stehen in einem proppevollen Laden und werden von einer Gruppe Männer begutachtet. Eine Runde Gin Tonic später stehen zwei neben uns. Nach kurzem Small Talk kommt die Frage, die zu jedem Wer-bist-du-eigentlich-Spiel dazugehört: „Und was machst du beruflich?“ Warum sagt gerade das mehr über uns als Sternzeichen oder Lieblingsdesigner? Der Job sichert unsere Existenz. Logisch. Er bezahlt unsere Miete, füllt unseren Kühl- und Kleiderschrank. Den kann er sogar radikal verändern. So geschehen bei Jana, die sich nach wenigen Tagen in ihrem Job in der Marketingabteilung neue Outfits zulegte, die mit ihrem eigentlich gemütlichen Klamottenstil wenig zu tun hatten. Auch ihr Freundeskreis hat sich verändert. Sie trifft sich seltener mit Maja, der Krankengymnastin, die sie schon seit der Schule kennt. Oder mit Nick, der sich mit DJ-Jobs über Wasser hält, seit sie und ihre Kolleginnen in der Bar um die Ecke über gemeinsame Kunden quatschen können.

Egal ob Rechtsanwältin, irgendwas in den Medien oder ein eigenes Café – mindestens acht Stunden am Tag machen mehr mit uns, als das Konto füllen: Anhand der Jobwahl lässt sich etwas über den Menschen erfahren. Denn der Job ist nicht nur irgendein Beruf, idealerweise ist er Berufung. Schon lange wird aus dem Sohn des Bäckers nicht gleich der nächste Bäcker. Wir können wählen, was und für wen wir arbeiten wollen. Der Job ist Selbstverwirklichung, der Part im Leben, an dem sich viele voll entfalten. Das ist doch eigentlich toll, oder? Nicht ausschließlich, wissen Coaches, Psychologen und Mediziner in Zeiten von Leistungsdruck, Überstunden, Tinnitus und Burn-out. Denn: „Je mehr wir uns mit unserer Arbeit identifizieren, umso schwerer fällt uns das Loslassen. Besonders den Frauen. Denn bei Frauen geht es weniger um den Status, den ein Job mit sich bringt, sondern mehr um Verantwortung. Sie wollen nirgends versagen. Weder im Beruf, noch bei den Kindern, in der Liebe oder im Freundeskreis. Dadurch wird der Druck riesig“, sagt Frank Forstmann, Berater und Coach.

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