Trend Designer und Stars - wie abhängig Modemacher und Promis voneinander sind

Mal lieben sie sich, mal hassen sie sich, aber eins steht fest: Sie können nicht ohne einander – Stars und Modemacher bilden schon seit jeher eine Einheit. Aber wer hat da eigentlich das Sagen?
Karl Lagerfeld & Rihanna

Designer & Stars
Rihanna bei Chanel

Rihanna im Aufreger-Outfit von Chanel

Wenn Rihanna zur Chanel-Show geht, dann trägt sie auch Chanel – auf ihre Art: einen langen, durchscheinenden Cardigan mit nichts drunter als Tattoo, Piercing und Schlüpfer (rechts). Rihanna ist ein Fan der Marke, bei der Pariser Fashion Show im Juli will sie dabei sein. Vor dem Defilee lächelt sie sonnig für die Fotografen, nachher lässt sie sich mit Designer Karl Lagerfeld ablichten (siehe oben). Der wirkt genervt, als dächte er: "Na danke. Jetzt sprechen alle von diesem Aufzug, und keiner guckt auf meine Kollektion." Die Bilder von diesem Auftritt gingen um die Welt, verbreitet durch Boulevardmedien und Style-Blogs und als Film zigfach auf Youtube. Dass der Cardigan von Chanel stammte, war selten zu lesen, doch was er blitzen ließ, stand überall. Und wie war die Haute-Couture-Show von Chanel? Ach Gott. Toll, wie immer. Ein Star kann einer Fashion Show durchaus die Show stehlen, nur weil er dort als Zuschauer aufkreuzt. Wenn er berühmt genug ist oder originell angezogen, drehen die Fotografen ihre Linsen nur auf ihn. Blitzlichtgewitter am Catwalk? Dann nehmen gerade die Promis in der Frontrow Platz, der berühmten ersten Reihe. Deshalb finden wir, wenn demnächst wieder die großen Schauen in Mailand, Paris und London laufen, täglich Frontrow-Fotos auf Magazin- und Blogseiten.

Designer-Alarm
Uma Thurman & Zac Posen

Uma Thruman posiert in Zac Posen, mit dem Designer am Arm

Stars und Mode - eine Symbiose

Wahrscheinlich sitzt Sofia Coppola wieder bei Marc Jacobs, Jessica Alba bei Kenzo, Salma Hayek bei Gucci, David Beckham bei Louis Vuitton. Die Leser wollen wissen: Wer adelt ein Label mit seiner Anwesenheit? Und wer nutzt die Show, um sich selbst in Szene zu setzen? In der Regel passiert beides zugleich, und beide Seiten profitieren. Stars und Mode, das ist eine Symbiose. Die Prominenten haben durchaus Einfluss darauf, ob ein Designer von der Masse wahrgenommen wird. Sie sind die Vehikel, die die Kleider mit ins Rampenlicht ziehen. "Ihr VIP-Status generiert extra Aufmerksamkeit für das Event und unsere Designer", sagt Jarrad Clark, Global Creative Director beim Fashion-Week-Veranstalter IMG Fashion. Gerade wenn es sich um Prominente handele, die loyale Fans seien.

Anwesenheit zu Werbezwecken

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Gwyneth Paltrow

Gwyneth Paltrow in der ersten Reihe bei Stella McCartney

Doch auch für die Stars sind diese Auftritte Marketing. Schauspielerinnen, die gerade ihren neuen Film promoten, besuchen die Fashion Shows gern, um ein paar Fotos mehr zirkulieren zu lassen. Manch andere nutzen die Gelegenheit, überhaupt mal wieder vor die Kameras zu treten. Liz Hurley? In letzter Zeit selten gesichtet, außer bei Roberto Cavalli. Oft genug fließt dabei Geld. Das Boulevardblatt "New York Post" rühmte sich kürzlich mit genaueren Einblicken in die Motive der Stars. Beyoncé, Madonna und Gwyneth Paltrow kassierten schlappe 100.000 Dollar für ihre 20-minütige Präsenz. Der Preis für die zweite Garde – Jessica Biel und Alicia Keys etwa – liege bei 60.000 Dollar, Selena Gomez dürfe noch immerhin mit 30.000 rechnen. Die Frontrow ist deshalb ein guter Indikator für das Maß an Ruhm eines Künstlers. Das "New York Magazine" veröffentlichte vor einer Weile online eine Bildergalerie von Stars, die in den vergangenen zehn Jahren bei Marc Jacobs gesichtet wurden: "die It-Boys und -Girls der Saison". 2003 war es gerade Paris Hilton, 2012 der ewige Kinderstar Dakota Fanning, die mit ihrer "Twilight"-Rolle endlich erwachsen geworden war.

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Heike Makatsch & Karoline Herfuth bei Caviar Gauche

Heike Makatsch, Nora von Waldstätten und Karoline Herfurth bei Caviar Gauche

Kann man sich bei Fashion-Shows einschleichen?

Doch was tun jene, die sich nicht zu den Weltstars zählen dürfen? Sie versuchen, sich selbst einzuladen – erst mal bei kleineren, aber angesagten Labels. "Wir bekommen lange Namenslisten von den Managern der Promis. Da müssen wir ganz schön sieben", erzählt der Designer Kilian Kerner. "Trotzdem bekomme ich manchmal einen Herzstillstand, wenn ich sehe, wer es in meine Show geschafft hat." Sie sollten zueinanderpassen, der Star und das Modelabel, "denn sie geben einander ein Image", sagt Kerner. Deshalb ist es ihm wichtig, eine gute Wahl zu treffen. "Ich verurteile niemanden als Menschen", sagt er, "aber wenn jemand im Dschungelcamp war, passt sein Image nicht zu meinem Label." Ein Volltreffer dagegen sei Karoline Herfurth, weil "sie verletzlich und trotzdem stark" wirke. Die Schauspielerin und Regisseurin habe ihn schon lange inspiriert. "Aber ich habe mich nie getraut, sie anzusprechen", gesteht Kerner. Dann nahm er all seinen Mut zusammen und schickte ihr ein Paket mit Mantel und Hose – seitdem trägt sie regelmäßig seine Entwürfe.

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Anna Maria Mühe bei Kilian Kerner

Anna Maria Mühe in Kilian Kerner bei Kilian Kerner 2013

Auch die Schauspielerin Anna Maria Mühe ist für ihn Fan und Freundin zugleich. „Wir haben einen gemeinsamen Bekanntenkreis, trafen uns also immer mal wieder, aber gefunkt hat es nie.“ Bis er Mühe für eine Rolle einkleiden sollte. Die blonde Berlinerin war im Sommer fleißig auf der Berlin Fashion Week unterwegs, sie ist ein Fashion-Fan, ging auch zu Michalsky, Laurèl und Schumacher. Zu Kerner kam sie im maßgeschneiderten Kleid des Designers, angelehnt an einen brandneuen Entwurf (rechts). Weiter vorn kann man modisch nicht sein. Tatsächlich kommen auch unter den Promis nur ein paar Handverlesene in diesen Genuss. "Die Chemie muss einfach stimmen", sagt Kerner. Vor der Schau trifft er sich mit seinen Lieblingsstars im Atelier, dann schauen sie, welches neue Teil für diesen Auftritt taugt.

Designer und Promis - unzertrennlich seit 200 Jahren

Celebrities einzukleiden ist ein Werbekonzept, so alt wie die Mode

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Stella McCartney & Cameron Diaz

Cameron Diaz mit Stella McCartney beim MET Ball 2013, in einem Kleid der Designerin.

selbst. Der Schneider, der das System erfand, war zugleich Erfinder der Haute Couture: Charles Frederick Worth gründete seine Modemarke 1858 in Paris und verkaufte seine Luxusroben gezielt an die Schönen und Reichen. Sein wichtigstes Testimonial war Eugénie, die französische Kaiserin. Sie ließ sich seine neuesten Ideen präsentieren, trug die Kleider zu Bällen und Empfängen – so setzte Worth mit ihrer Hilfe Trends. Was Besseres kann einem Designer nicht passieren: eine Berühmtheit, die selbst eine Affinität hat zur Mode. Die nicht nur Ruhm mitbringt, sondern als Kundin auch glaubwürdig ist. Nicht zufällig gehört die stets unfassbar gut angezogene Charlotte Casiraghi zu den gefragtesten Werbeträgerinnen. Als Turnierreiterin wird sie maßgenau von Gucci eingekleidet. Schon ihre Großmutter Grace Kelly und auch Jane Birkin galten als Stilikonen, lange bevor Hermès-Handtaschen nach ihnen getauft wurden.

Stars und ihre Lieblings-Designer - es geht um mehr als guten Geschmack

Frontrow erster Güte...
Frontrow bei Chanel

Sean Lennon, Vogue-Chefredakteurin Carine Roitfeld, Regisseurin Sofia Coppola und Diane Krüger bei Chanel.

Schauspielerin und Model Diane Kruger, 37 Jahre alt und fältchenfrei, ist das Gesicht für Chanel Beauty. Und auch wer sich als Designer avantgardistisch versteht, findet unter den Künstlern entsprechende Vertreter: Ann Demeulemeester kürt Patti Smith zu ihrer Muse, Haider Ackermann verehrt Tilda Swinton. So füllen sich deren Kleiderschränke mit den tollsten Klamotten. "Was für sie maßgeschneidert wurde, behalten die Stars in der Regel", sagt Kerstin Geffert. Sie ist Chefin der Mode-PR-Agentur Silk Relations, vertritt Kerner und große Label wie Nike und Levi’s. Sie kennt das Miteinander von Modebranche und Celebrities sehr gut, weiß auch von Verträgen, in denen Promis sich verpflichten, bei Events nur ein Label zutragen und bei Veranstaltungen der Marke auf zutauchen. Allüren und Ärger erlebe sie selten. "Höchstens bei Leuten, die sich für Promis halten, aber gar keine sind", sagt Geffert. Dass Stars geliehene Kleider nicht wieder hergeben mögen, scheint dagegen öfter vorzukommen. Der Designer Guido Maria Kretschmer sprach 2012 bei Markus Lanz von "notorischen Schnappern" und Kandidaten, die auf einer "schwarzen Liste" stünden. Kilian Kerner bekam übrigens einst einen Rock zurück, an dem jemand herumgeschnippelt hatte. Manchmal ist es auch ohne Promis ganz schön.

Manchmal ist es auch ohne Promis ganz schön

Das fanden einige Berliner Designer in diesem Sommer, als große Labels wie Escada und Boss nicht zur Fashion Week kamen und folglich auch keine Hollywoodstars einflogen. Die Leute schauten viel mehr die Mode selbst – und zwar von kleineren Labels. Und am Ende seien es gar nicht die Stars, die ein Kleid zum Bestseller machten, sagt Kerner. Jedenfalls nicht in Deutschland, wo die Menschen Prominente offenbar mit mehr Distanz betrachten. "Wenn aber in England Kate Moss in einem bestimmten Kleid ausgeht", sagt er, "dann ist es Stunden später ausverkauft." Auf der Insel geht also was. Kerner baut gerade Geschäfte in Großbritannien auf, zeigte seine Kollektion im Septem ber zum ersten Mal auf der London Fashion Week. Kate Moss oder die Herzogin von Cambridge in seiner Frontrow – das wäre ein Traum. Er muss mal wieder etwas Mut aufbringen und ein paar Mäntel verschicken.

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Autor:
Hiltrud Bontrup