Designer-Porträt Esther Perbandt: „Es geht mir nicht um Mode – das Wort finde ich schon befremdlich“

Anlässlich ihres zehnjährigen Jubiläums trafen wir Designerin Esther Perbandt in Berlin und sprachen mit ihr über den Sinn von Mode außergewöhnliche Models.
Esther Perbandt

„Grotesque“ – hieß die Jubiläumsshow, auf der Esther Perbandt (im Bild rechts) in der Volksbühne Berlin ihre Herbst/ Winter-Kollektion 2014 präsentierte. Der Name ist dabei Programm. Seit zehn Jahren kreiert die Berlinerin extravagante Designs mit Hauptstadt-Flair. „Sophisticated Rock’n’Roll“ nennt Esther Perbandt selbst ihren Stil und revidiert sofort wieder: „Ich mag solche Begriffe eigentlich nicht. Dann wird man da so drauf festgestempelt.“ Und festgelegt werden will sie auf keinen Fall. Schon gar nicht auf einen Modestil. „Es geht mir nicht um Mode – das Wort finde ich schon befremdlich“, erklärt sie. „Ich benutze sie nur als Ausdrucksmittel für das, was in mir steckt und raus will.“ Was das ist, verriet sie uns im Vier-Augen-Gespräch inmitten ihrer schwarz-weißen Kollektion.

„Ich kann in meinen Kollektionen lesen, wie in einem Tagebuch“

„Es geht um Bedürfnisse. Was ich anbiete, ist eigentlich nur eine Bedürfnisbefriedigung. Und damit meine ich nicht nur ‚ich brauch jetzt dringend ein Abendkleid’, sondern ‚fühle ich mich grad wohl in meiner Haut, in meinem Körper?’, und auch ‚was möchte ich zeigen, was möchte ich verdecken?’.“ Dabei hat sie keine bestimmte Person im Kopf, wenn sie designt. „Ich freue mich über jede Person, die sehr mutig mit Bekleidung umgeht“, erklärt sie. Ihr Paradebeispiel dafür ist die Schauspielerin Tilda Swinton. Nicht nur wegen ihres avantgardistischen Modestils. „Ich bewundere ihren Lebensentwurf, ihr Unangestrengtsein, ihre sehr große Offenheit auch der Kunst gegenüber“, schwärmt Perbandt. „Was ich an Mode so spannend finde, ist zu beobachten, was Menschen mir durch ihre Kleidung verraten. Was für eine Verbindung sie zu ihrem eigenen Körper haben.“ Das gilt nicht nur für Tilda Swinton oder Esther Perbandts Kundinnen. Auch sich selbst kann sie anhand ihrer Entwürfe beobachten. „Ich kann in meinen Kollektionen lesen, wie in einem Tagebuch. Wenn ich mir Designs von vor drei Jahren angucke, kann ich genau sehen, wie ich mich damals gefühlt habe.“

Theaterbühne als Laufsteg
Esther Perbandt in der Volksbühne

Atemberaubende Location: Bei der esther perbandt Schau in der Volksbühne wird das Publikum zur Kulisse

Stil made in Berlin

Ihr Know-How erlangte die Kosmopolitin als Praktikantin in Moskau und am Institut Francais de la Mode in Paris. Doch auch die Verwurzelung in ihrer geliebten Heimatstadt Berlin sieht man ihren Entwürfen an. „Designs von Berlinern sind unangestrengt“, sagt die gebürtige Hauptstädterin. „Reduziert, elegant und mit einer gewissen Strenge. Wir müssen keine Show machen. Das ist Understatement, aber dadurch eigentlich noch edler.“ Auch an der Location ihrer diesjährigen Schau erkennt man die Liebe zu Berlin. Das kulturelle Urgestein Volksbühne feiert 2014 ebenfalls ein Jubiläum. Seit 100 Jahren gibt es die Theater-Institution in Berlin Mitte. Hier inszenierte die Designerin eine Kollektionspräsentation der anderen Art. Ein lautmalerischer Chor und eine expressionistische Tänzerin eröffnen die Show. Die Fotografen sitzen auf der Bühne, der Laufsteg ragt in den Zuschauerraum, das Publikum wird zur Kulisse. „Ich fühle mich dort einfach sehr zuhause“, erklärt Perbandt ihre Location-Wahl. „Ich mag das Theater sehr gerne, sie machen sehr polarisierende Produktionen. Wenn ich dort bin, habe ich immer das Gefühl, die Theatergeister kommunizieren mit mir.“ Die Entscheidung für die Volksbühne ist natürlich auch eine Entscheidung gegen das große Fashion Zelt am Brandenburger Tor. „Ich mag einfach besondere Dinge“, erläutert die Designerin. „Es ist auch nicht so, dass das Fashion Zelt niemals für mich in Frage kommt. Es ist natürlich viel anstrengender, in einer Off-Location eine Show zu machen. Aber im Zelt ist es eben ein bisschen Fließbandabfertigung und ich finde, das wird meiner Arbeit nicht gerecht. Deswegen versuche ich, wenn möglich, schöne Orte zu finden. Und klar, es ist schon eine Entscheidung gegen den Mainstream.“

Schauspieler als Model

Volksbühnen-Star Alexander Scheer ist zwar kein Model, weiß aber trotzdem, wie man das Publikum um den Finger wickelt.

>> Sehen Sie hier die Herbst/Winter Kollektion 2014

Mode, Models, Industrie

Auch ihre Models sind eine Entscheidung gegen den Mainstream. Anstelle von „19-jährigen Kleiderständern“ laufen bei Ihr gestandene Schauspieler wie Rolf Zacher und Jeanne Balibar über den Laufsteg, allen voran Volksbühnen-Aushängeschild und langjähriges esther perbandt Markengesicht Alexander Scheer. „Es gibt so ungeschriebene Gesetzte in der Modeindustrie: das muss der und der Körper sein, es muss das und das Alter sein – Models sind dann eben wirklich nur Kleiderständer in dem Moment. Es ist natürlich schwierig für Frauen, sich damit zu identifizieren“, erklärt Perbandt. „Es freut mich dann eigentlich immer umso mehr, wenn es eben nicht perfekt ist. Mode für Streichhölzer zu machen ist mir zu einfach.“ Dass ihre Mode trotzdem für große Frauen mit einem androgynen Style geschnitten ist, hat einen anderen Grund: „Ich habe selber wenig Busen. Seinen eigenen Körper kennt man einfach am besten. Da weiß man, was geht. Aber ich liebe es auch, für andere Figuren zu designen. Das ist eine wahnsinnig interessante Erfahrung für mich, weil es hinterfragt: inwieweit ist Mode wirklich eine der größten und beknacktesten Illusionen dieser Welt?“

10 Jahre esther perbandt

Zum zehnjährigen Jubiläum läuft es 2014 für das Label esther perbandt wie am Schnürchen. Auf der diesjährigen Premium wurde sie von ihrer ersten Boutique auf dem Kurfürstendamm geordert. „Früher habe ich die Besitzerin immer eingeladen, damals war ich aber noch gar nicht interessant für sie. Jetzt hat sie meine Tasche an einer Kundin gesehen und kam dann auf mich zu. Das ist ein tollen Gefühl, dass es bald esther perbandt auf dem Kudamm gibt.“ Ein kleines Geburtstagsgeschenk, also. „Mein Gott, 10 Jahre!“ ruft sie aus. Fühlt man sich da schon wie ein alter Hase? „Nein! Natürlich werde auch ich älter. Da macht man bestimmte Prozesse durch. Aber ich finde das spannend. Einfach alles nur wahnsinnig spannend.“ Das finden wir auch. Und freuen uns auf viele weitere spannende Jahre.

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Autor:
Judith Schröder