Talk About Mal Hand aufs Herz: Was tun Sie so Gutes?

Es weihnachtet sehr, das Fest der Liebe steht vor der Tür – und damit auch die Zeit des Gebens. Fragt sich nur: Wem spende ich Geld? Wo macht es Sinn – und muss man eigentlich reich sein, um zu helfen? Ein paar Gedanken darüber, wie schwer es ist, ein bisschen die Welt zu retten
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Jedes Jahr das gleiche Lied. „Do They Know It’s Christmas“ dudelt im Radio, aus Kaufhaus- Lautsprechern und in Fahrstühlen – und schon überlegen wir, wie gut wir es doch haben, während der Rest der Welt im Elend zu versinken scheint. Gab es schon immer so viele Erdbeben und Kriege? Wahrscheinlich. Werden es zu Weihnachten mehr? Kaum. In jedem Fall steigt im Dezember die Anzahl der Spendenaufrufe in Funk, Fernsehen und Briefkästen ins Unermessliche. Für Mädchenschulen in Afghanistan, Brunnenbau in Mali, Aufklärungskampagnen gegen Ebola. Kein Wunder, das Fest der Liebe steht vor der Tür: Wenn Lichterketten von den Balkonen leuchten und Food-Blogs Festmenüs posten, werden eben alle weich, nicht nur der Geizhals aus dem Charles-Dickens- Weihnachtsmärchen.

4,7 Milliarden Euro haben Deutsche 2013 an Hilfsorganisationen überwiesen

Wir geben – und wir geben mit vollen Händen. Aktuelle Zahlen der Gesellschaft für Konsumforschung und des Deutschen Spendenrates belegen: 4,7 Milliarden Euro haben Deutsche 2013 an Hilfsorganisationen überwiesen, mehr noch als im bisherigen Rekordjahr nach dem Tsunami vor zehn Jahren. Jeder dritte Deutsche gibt

regelmäßig Geld für Hilfsbedürftige aus, Frauen mehr noch als Männer. Ja, das sind gute Nachrichten, auf denen man sich ausruhen könnte wie Cäsar auf seinen Lorbeeren. Wäre da nicht dieser kleine, boshafte Zwerg im Ohr, der immer diese unangenehmen Fragen stellt. Eine davon lautet: Spendest du für das Richtige? Wieso sollte man sein Geld für Straßenhunde auf Mallorca ausgeben, wenn in Syrien Kinder hungern oder die 80-jährige Nachbarin nicht mit ihrer Rente auskommt? Welche Not ist wichtiger als die andere, welche drängender?

Als ob man sich nicht sowieso schon mit dem Gedanken herumplagt, ob das sauer verdiente Geld an der richtigen Stelle ankommt. Na ja, und dann stellt sich zusätzlich die Frage, ob wir mit dem seligen Geben nicht nur unser Gewissen beruhigen. Wäre es nicht sinnvoller, seine Scheine zurück ins Portemonnaie zu stecken und sich einen Abend Zeit für die liebeskranke Freundin zu nehmen? Gedul - diger mit der Mutter zu sein und nicht genervt aufzuseufzen, wenn sie die Mailbox vollplappert? („und dann wollte ich noch wissen, ob du am zweiten Feiertag zum Brunch mit den Schulze-Öckelhausens kommst“). Zweifelsohne ist es ehrenwert, dass uns das Geld so locker sitzt, wenn jemand mit der Sammelbüchse vor einem steht – aber war mit Nächstenliebe nicht etwas anderes gemeint? Und wenn man ganz ehrlich ist, nimmt das Spenden inzwischen absurde Formen an.

Jede dritte Befragte spendet regelmäßig an eine Hilfsorganisation

Nicht lang ist es her, da kippte sich die halbe Facebook-Gemeinde für ALS-Kranke einen Eimer Eiswasser über den Kopf – ohne zu begreifen, dass man nur dann zum Eiswasser- Eimer greifen sollte, wenn man NICHT spendet. Nach zwei Wochen legte sich der Wahn um die „Ice Bucket Challenge“, dafür waberten zehn neue Spenden- und Hilfsauf rufe durch die sozialen Netzwerke. Man solle sich registrieren, um Stammzellen zu spenden. (Im Internet.) Seine alten Klamotten und Schminksachen für die Prostituierten in der Stadt zusammenkramen. (Und zur Freundin bringen, die das alles organisiert.) Plastikmüll sammeln. (Am kommenden Wochenende.) Seine Organe spenden. (Besser nicht am kommenden Wochenende.) Was ist, wenn man nicht will? Wenn man keinen Orang-Utan in Borneo finanzieren will und kein Inderkind durchbringen möchte – ist man dann ein schlechter Mensch und wird auf immer in der Hölle simmern? Man könnte ja schon ein ziemlich schlechtes Gewissen bekommen, wenn man sich die Ergebnisse der aktuellen Forsa-Umfrage unter Frauen zwischen 25 und 40 Jahren exklusiv für PETRA ansieht: Jede dritte Befragte spendet regelmäßig an eine Hilfsorganisation, 42 Prozent überweisen zielgerichtet Geld bei humanitären oder Umwelt- Katastrophen – Erdbeben, Überflutungen, Hungersnöte. Und sogar jede Zweite engagiert sich sozial, in der Nachbarschaft, Vereinen oder in der Kirche (Bundesdurchschnitt: 37 Prozent).

Wahrscheinlich gibt es keine einfachen Antworten in der Frage, wie man am sinnvollsten Gutes tut und was Freigiebigkeit heißt. Klar ist nur: Diejenigen, die nicht spenden, werden nicht als Kakerlake wiedergeboren. Erstens sind Almosen immer eine Frage des Einkommens, man muss sie sich leisten können. Zweitens ist man nicht automatisch ein besserer Mensch, wenn man für den Regenwald spendet. Es reicht auch, im Bus für jemanden Gebrechliches aufzustehen. Oder dem Leierkastenmann in der Innenstadt zwei Euro zu geben. Die fette und haarende Katze der Nachbarin in Pflege zu nehmen. Seine Mutter zurückzurufen. Was Generosität be deutet und wie sie gelebt wird, das muss jeder mit sich selbst ausmachen. Wir können uns darüber freuen, in einem Land zu leben, in dem eine Menge großzügiger Menschen leben – auch wenn man manchmal denkt, keine Nation sei kaltherziger. Und es ist ein Land, in dem zur Adventszeit an jedem Ort „Do They Know It’s Christmas“ gespielt wird. Nervt vielleicht, aber schön ist es auch. Genau wie Weihnachten.