Talk about Macht die Liebe uns faul?

Der letzte Sportkurs ist schon ewig her. Und eigentlich möchte man lieber mit dem Schatz einen Film gucken, als mit der Freundin durch die Clubs zu ziehen. Da drängt sich die Frage auf: Macht eine Beziehung träge? Und wenn ja, warum ist das so?
Wenn Liebe eine faul macht

Stella: sieben Kilo. Louisa: fünf Kilo. Betty: sogar zehn Kilo. So viel haben meine Freundinnen zugenommen, seit sie in festen Händen sind. Schleichend und klammheimlich schummelten sich die Verliebtheitskilos auf die Hüften. Weil fürs Fitnessstudio plötzlich keine Zeit mehr war – schließlich möchte man jede freie Sekunde mit dem Liebsten verbringen. Und was gibt’s Schöneres, als sich beim Edelitaliener eine Pizza zu teilen oder abends gemeinsam zu kochen? Da segeln mal eben alle Prinzipien und Ernährungsvorsätze über Bord – und dass die Jeans auf einmal kneift, merken wir vor lauter Endorphinen sowieso nicht. Schon erstaunlich: Als Singles quetschen wir Obst mit unserem Smoothiemaker aus, buchen das Monatspaket im Sportclub – und präsentieren der Welt den fertigen Shake und den flachen Bauch bei Instagram. Aber sobald wir uns verlieben und in anderen Sphären schweben, lassen wir alles links liegen und lümmeln lieber mit dem Liebsten auf der heimeligen Couch, statt den Workout-Kurs zu besuchen oder im angesagten Club die Nacht durchzutanzen.

Bequem seit Beziehung
Forscher nennen das Phänomen „Love-Cocooning“ – und das betreiben scheinbar auch fast die Hälfte der Frauen unserer Umfrage. Sie sagen: Ich bin bequemer geworden, seit ich liebe. Weshalb bevorzugen wir, sobald ein Mann in unser Leben tritt, über kurz oder lang Jogginghose und Couch statt Peeptoes und Konzertsaal? „Oft stellt sich bei einer stabilen Partnerschaft ein Wir-Gefühl ein“, sagt die Psychologische Psychotherapeutin Bettina Lindhout aus Hamburg (psychotherapie-lindhout.de). „Als Single ist das anders. Da will man seinen Marktwert hochhalten.“ Alleinstehende investieren deshalb mehr Zeit in ihr Aussehen als gebundene Menschen, bestätigt auch das Ergebnis einer Langzeitstudie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung. Tatsächlich gestehen mehr als ein Fünftel unserer Befragten, sich selbst zu vernachlässigen, seit sie liiert sind. Zu zweit schmeckt die Tüte Chips einfach viel besser – weil sich das schlechte Gewissen quasi halbiert. Und so wächst der Bauchumfang des Partners parallel mit dem eigenen mit – wie praktisch. Nur leider ist das lästige Hüftgold längst nicht die einzige Nebenwirkung, die die Beziehungs- Antriebslosigkeit so mit sich bringt. Man sitzt zu zweit eng aneinandergeschmiegt auf dem Sofa, kann die Dialoge in „Herr der Ringe“ mitsprechen – Leidenschaft? Fehlanzeige. Nach den ersten quasi über - proportional mit Sex gespickten Monaten stellt sich langsam die typische Kuschelphase ein. Während einstmals verruchte Dessous zum Einsatz kamen, ziehen nun saugemütliche Joggingpants in die Beziehung ein.

was ich vernachlässige
Und auch etwas anderes rückt zuweilen in den Hintergrund, sobald die Liebe anklopft: die Freunde. Fast 30 Prozent der PETRA-Befragten kennen das. Verständlich: Kommt man nach einem langen Arbeitstag nach Hause, gibt es nichts Schöneres, als den Fernseher anzumachen und alle Folgen der neuen HBO-Serie hintereinanderweg zu gucken. Vor allem wenn man dabei mit dem Kopf in seinem Schoß liegt. Haach… Die Wochenenden gestalten sich ähnlich – der Drang, ständig auf die Piste zu gehen, ist einfach nicht mehr da. Aber für unsere Freundschaften heißt das: Alternativ-Dates finden. Wie wäre es mit einem gemeinsamen Essen in der Mittagspause? Wann waren Sie das letzte Mal mit ihrer Freundin so richtig ausgiebig shoppen? Oder haben sich abends auf einen Wein getroffen? Denn kapselt man sich ab, kann es sein, dass die Freunde sich abwenden und nach neuen Freunden suchen – und einem nicht mehr zur Seite stehen, wenn man Rat braucht. Weil man sich ja sonst auch nie meldete. Genauso verhält es sich mit der Clique: Trifft man sich noch nicht mal mehr zum obligatorischen Pärchen-Kochabend, fehlt ein wichtiger Stabilisator. Auch das belegt eine Studie. Der Soziologe Michael Wagner von der Uni Köln fand heraus: Ein fester Freundeskreis lässt die Scheidungsrate um mehr als die Hälfte sinken, da sich Beziehungsprobleme verlagern und das Paar durch den Rückhalt der Freunde daraus gestärkt hervorgehen kann.

Und egal, ob man die Freundin zuletzt am Geburtstag angerufen oder seit drei Jahren kein Theater mehr von innen gesehen hat – eine Sache wollen wir alle nicht: eines Tages aufwachen und feststellen, dass wir den größten Teil unseres Lebens auf der Couch verbracht haben. Ein Mix aus Liebeszeit und gesundem Aktionismus hilft da, bestätigt auch die Psychologin Lindhout: „Alles mit dem Partner zu teilen, erweist sich als ungesund. Genauso wie extreme Unabhängigkeit, bei der man nichts mehr zusammen unternimmt.“ Es genügt schon, sich ein Mal in der Woche mit der Freundin zum Fitness zu verabreden (dann geht man nämlich auch hin). Oder diese neue Sportart zu testen, die man seit einer Ewigkeit auf dem Schirm hat – aber man sich bisher nur auf Youtube anschaute. Was das Paar-Leben angeht: bitte unbedingt in vollen Zügen genießen. Nur statt der „Herr der Ringe“-DVD mal spontan übers Wochenende mit den Freunden nach Kopenhagen oder zur Blockhütte an den See fahren. So ein bisschen Input belebt nämlich jede Beziehung. Auch mit sieben Kilo mehr auf den Hüften.

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Autor:
Bonnie Stenken