Talk about Das hätte ich jetzt nicht sagen sollen, oder?

Zugegeben, wir tratschen gerne. Weil es (fast) nichts Schöneres gibt, als mit der besten Freundin die neuesten Klatschgeschichten zu teilen. Aber – wo ist die Grenze? Und wann ist schweigen klüger? Ein Talkabout über den richtigen Umgang mit Geheimnissen.
Frau ist schüchtern

Mein letzter "Hätte ich bloß den Mund gehalten"-Moment begann recht harmlos. "Und? Wie alt schätzen Sie mich?", fragte die Friseurin, während sie meine Haarspitzen schnitt. Ich antwortete spontan: "So um die 40." Tatsächlich war sie gerade 30 geworden. Der Rest meines Friseurtermins verlief in eisigem Schweigen und mündete in einem zu kurz geratenen Pony, der zum Glück schnell wieder nachwuchs. Wesentlich dramatischer endete der Moment der Ehrlichkeit für meinen alten Schulfreund Ecki. Ich traf ihn auf einem Klassentreffen, wo er mir nach dem dritten Bier verriet, warum er plötzlich wieder Single war: "Ein Seitensprung, der mir überhaupt nichts bedeutete." Weil ihn aber sein schlechtes Gewissen nicht schlafen ließ, beichtete er die Affäre seiner Langzeit-Freundin. "Die ging erst ziemlich lässig damit um", so Ecki. "Aber kurze Zeit später trennte sie sich, weil sie mir nicht mehr vertrauen konnte. Und das, obwohl ich ihr neun Jahre lang treu war." Hätte er bloß den Mund gehalten.

Warum tratschen wir?

Psychologie
Dabei lieben wir es doch zu reden! Vor allem montags, in der ersten Kaffeepause im Büro, wenn die Ereignisse vom Wochenende besprochen werden müssen: "Schon gehört? Die Susi aus dem Vertrieb hat auf dem Sommerfest mit dem Controller geknutscht!" – "Nein!" – "Jahaa doch!" Das gibt so ein kuscheliges Gefühl der Zusammengehörigkeit. Wenn man sich dann noch darauf geeinigt hat, dass Kollegin XY zu alt für ihren Minirock und der Mann von Jenny Elvers ein Arsch ist, gehen alle glücklich und beschwingt zurück an den Schreibtisch. "Klatsch und Tratsch sind ein menschliches Grundbedürfnis", erklärt die Psychologin und Buchautorin Ursula Nuber („Lass mir mein Geheimnis! Warum es guttut, nicht alles preiszugeben“, Campus Verlag, 239 S.) "Es gibt Studien, die belegen, dass zwischen Menschen, die negative Geschichten über andere teilen, so etwas wie Nähe und Freundschaft entsteht."

Der Klatsch und die Moral

Dazu kommt noch ein weiterer Aspekt: "Wir fühlen uns besser und moralisch überlegen, wenn wir ein Geheimnis entdecken, das unsere eigenen Vergehen nicht mehr so schlimm aussehen lässt." Ein Herr Hoeneß, der Millionen Euro am Fiskus vorbeigeschmuggelt hat? Unmöglich! Dagegen ist die Nummer mit dem polnischen Handwerker, der uns mal eben schwarz die neue Küche eingebaut hat, ja ein Witz. Tratsch ist toll. Wären da nur nicht immer wieder diese "Hätte ich bloß nichts gesagt"-Momente, die einen selbst in der Kaffeeküche ereilen können ("Der Controller? Äh, das ist doch mein Schwager …"). Wann ist es schlauer, zu schweigen oder gar zu lügen? Warum können wir einige Geheimnisse gut für uns behalten und andere gar nicht? Und wie hat sich unser Mitteilungsdrang in Zeiten von Facebook, Twitter & Co geändert?

Autor:
Iris Soltau, Judith Schröder