Talk About Die ungeschminkte Wahrheit - können wir auch mal ganz ohne?

Sich zu schminken ist für 95 Prozent der Frauen wie Zähneputzen und Haare kämmen. Aber was steckt eigentlich hinter dem selbstverständlichen Griff zur Wimperntusche? Und können wir auch mal ganz ohne?
Frau mit bunter Brille

Dem Crosstrainer ist es ganz sicher egal, wie fertig wir aussehen, wenn wir von ihm absteigen. Aber neben puterrotem Kopf auch noch seine Augenringe und Pickelchen im Fitnessstudio zur Schau stellen? Mit einem Hauch Mascara oder Concealer sportelt es sich doch gleich besser. Andere Situation, gleiches Problem: Wir verbringen eine Nacht mit einem neuen Mann. Schminken wir uns da vorm Einschlafen noch schnell ab, oder riskieren wir die (verschmierte) Katastrophe am Morgen danach? Also dann, wenn wir nicht als Erstes wach werden und schnell ins Bad eilen können, um Schadensbegrenzung zu betreiben! Ganz sicher ist: In manchen Situationen wäre weniger Make-up mehr. Und doch können wir die Finger nicht von der Tusche lassen, lieber nehmen wir die ein oder andere Beauty-Panne in Kauf. Immer noch besser als die ungeschminkte Wahrheit, oder? Fast jede Frau benutzt wenigstens einen Schönheitshelfer, wenn Sie unter Leute geht (siehe Umfrage).

Psychologie
Ganz ohne Make-up
Um eines aber gleich klarzustellen: Es geht nicht darum, jeden Tag so dick aufzutragen, als hätte man einen Termin auf dem roten Teppich. Für die Eine ist es der Lieblingslippenstift, die Andere verlässt das Haus nicht ohne Mascara – für das wichtigste Schmink-Utensil lassen sich immer noch ein paar Sekunden abzwacken, und sei die Zeit auch noch so knapp. Sind wir wirklich so eitel? Können wir denn nicht mal vor uns selbst dazu stehen, wie der liebe Gott uns geschaffen hat? Doch, könnten wir – wir wollen nur meist nicht: Stattdessen geben wir unserem Gesicht den letzten Schliff, weil es unserem Selbstbild entspricht. Vielleicht auch, weil wir es schon seit einer gefühlten Ewigkeit so machen. Weil wir der Meinung sind, dass schöne Lippen es nun mal verdienen zu glänzen. Letztlich bezwecken wir damit, uns gut zu fühlen. Und zwar in erster Linie mit uns selbst.

Aber sich mit roten Lippen und Concealer auf den Augenringen auf die Couch zu lümmeln oder allein zu Hause an den Schreibtisch zu hocken, ist das denn nicht zu viel des Guten? Warum macht sich Frau sogar die Mühe, wenn man(n) sie ohnehin nicht sieht? Von der Begegnung mit dem eigenen Spiegelbild einmal abgesehen. Gegenfrage: Warum denn nicht? Denn vielleicht geht es genau darum. Sich selbst so zu begegnen, wie man anderen und der Welt da draußen gegenübertreten möchte. „Dahinter steht das Bedürfnis, sich selbst etwas Gutes zu tun. In dem Fall wird Schminken zu einem Ausdruck von Selbstliebe und Selbstachtung“, sagt die Bamberger Psychologin Astrid Schütz. „Da kommt eine innere Haltung zum Vorschein, die signalisiert: Ich bin mir wichtig und wertschätze mich.“ Wenn wir für einen Mann die Pinsel schwingen, zeigen wir ihm damit ja auch, dass er uns etwas bedeutet. Es hat also viel mit Kümmern zu tun, mit Sich-Mühe-Geben und mit diesem Ich-lasse-mich-nicht-Hängen im Hinterkopf.

Psychologie
Ganz ohne Make-up
Keine Frage: Die einer durchzechten Nacht geschuldeten Hautrötungen wegzucremen oder dem grauen Himmel gesunde Apfelbäckchen entgegenzusetzen, das kann ungemein die Laune heben. „Schön auszusehen ist seit jeher ein menschliches Grundbedürfnis, genau wie Liebe und Zugehörigkeit“, sagt die philosophische Beraterin und Autorin Rebekka Reinhard („Schön! Schön sein, schön scheinen, schön leben – eine philosophische Gebrauchsanweisung“, Ludwig, 19,99 €). „Der Wunsch nach gutem Aussehen und die Sehnsucht, ein gutes Leben zu haben, hängen untrennbar zusammen“, erklärt Reinhard. Setzen wir einen Fuß vor die Tür, stürzen wir uns ins Leben, dann wirkt ein gepflegtes Äußeres wie eine Art positives Statement, ein lautes Ja zu einem lustvollen, erfüllten Leben. Gut so!

Natürlich bilden auch volle rote Lippen nur die Spitze des Eisbergs – und zwar eines reichen, glücklichen Innenlebens, zu dem sich die passende Hülle gesellt. Als Krönung nämlich. Ohne inneren Glanz keine (dauerhaft) hübsche Oberfläche. „Keine Mascara der Welt kann uns ein solides Selbstwertgefühl verpassen, geschweige denn glücklich machen“, so die Philosophin. Aber sie kann das eigene Wohlgefühl stützen, als Teil unseres individuellen Stils. Als Spielart und Puzzleteil unserer Persönlichkeit (wie Haare, Klamotten und Accessoires auch). „Sie sollte aber nicht als Schutzwall fungieren gegen die eigene Unsicherheit oder ein massives Hadern mit dem eigenen Äußeren kaschieren. In dem Moment wird Schminke zu einem leeren Glücksversprechen, das sich nicht erfüllt“, sagt Philosophin Reinhard. Natürlich ist es unser gutes Recht und absolut in Ordnung, wenn wir lieber noch schnell das Tuschebürstchen schwingen oder den Lippen etwas Farbe gönnen, bevor wir uns selbst auf die Welt da draußen loslassen möchten. Mal mehr, mal weniger ausführlich eben, je nach Laune. Was gerade am

besten passt, spüren wir und fühlen uns damit wohl. Wer sich dagegen nirgendwohin mehr ungeschminkt traut, sich nicht mal dem eigenen Partner im „Urzustand“ zeigen will, hat definitiv ein Problem. Im Morgengrauen ins Bad zu huschen und nachzulegen, mag nach einem One-Night-Stand okay sein, aber nicht in der Liebe. Für alle anderen gilt: Schön, wenn man weiß, wie die eigenen Vorzüge hervorzuheben sind. Und wenn wir andererseits gelassen genug sind, im Zweifel auch im Jogger Brötchen holen zu gehen.

Autor:
Friederike Schön