Trend Die neue Sängerinnen-Generation

Während Beyoncé, Rihanna & Lady Gaga ihre Goldkettchen polieren, schnappt sich eine neue Generation von Sängerinnen das Mikro. Diese Ladys sind nicht nur talentiert und experimentierfreudig – sie haben auch etwas zu sagen
solange knowles

Dinner bei den Obamas, Jacht-Urlaube in der Karibik und geschätzte 122 Millionen Dollar auf dem Familienkonto. Ja, das Leben meint es gut mit Beyoncé. Aber, Moment mal, was ist das? Hören Sie das auch? Dieses leise, rhythmisch schnarrende Geräusch? Klingt fast so, als ob da jemand am Thron der Pop-Queen sägt …

Spaß beiseite. Tatsächlich steht die nächste Generation potenzieller Superstars schon in den Startlöchern: Angel Haze, Azealia Banks, Solange Knowles und Iggy Azalea sind im Vergleich zu Beyoncé eher Rotznasen. Ein bisschen laut, aber rasend begabt und aufregend direkt. Hip-Hop, R&B und Soul klingen hier nicht nach Gala und Millionärs-Lounge, sondern nach einer lauten Party auf der Straße. Dass ihr eigenes Leben nicht immer perfekt läuft, verschweigen die Musikerinnen nicht – und diese Aufrichtigkeit gefällt inzwischen Millionen von Fans. Solange Knowles, die kleine Schwester von Beyoncé, ist noch vergleichsweise brav. Zwei Alben hat sie bereits aufgenommen, mit prominenten Gästen wie Pharrell Williams und CeeLo Green. Doch seit einer Weile leidet Solange unter Panikattacken und Schreibblockaden. Das Erscheinen ihres lange erwarteten dritten Albums verschiebt sich deshalb aufs nächste Jahr. Schade, denn Songs wie „Losing You“ (von der EP „True“) erweitern karibisch inspi rierten Soul um die synthetischen Echo räume des Electro-Pop.

Iggy Azalea ist aus einem härteren Holz geschnitzt: Bereits mit 16 flüchtete die platinblonde Rapperin aus dem australischen Nest Mullumbimby in die USA. Dort lebt sie inzwischen in Atlanta und modelt neben ihrer Rap-Karriere für Levi’s. Erstaunlich, denn statt Jeans trägt das Mädchen mit dem Maschinengewehr-Mundwerk eher Hotpants und Ultra-Miniröcke, die sie gern beim Popo-Wackeltanz Twerking ausreizt. Songs wie „Pu$$y“ oder „Work“ sind betont schlüpfrig – aber unterhaltsamer als alles, was Lady Gaga in der letzten Zeit veröffentlicht hat.

Auch bei Azealia Banks geht es nicht immer jugendfrei zu: 65 Millionen Mal wurde ihr Überraschungshit „212“ auf YouTube angeklickt. Alle, die den Text verstehen, wissen nun, dass die New Yorkerin auf Oralsex steht und virtuos mit Worten jongliert. Im Video des Songs legt sie sich sogar mit martialisch ausgerüsteten Polizisten an. Doch keine Angst, die will nur spielen: Auf ihrer Website präsentiert Azealia selbst gemachten Apple-Blackberry- Pie und kleine Comic- Meerjungfrauen.

Angel Haze würde so etwas nicht tun, dazu ist die 22-Jährige zu ernst. Monate hat sie im letzten Jahr auf die Veröffentlichung ihres Debütalbums gewartet. „Dirty Gold“ war fertig, die Medien zeigten sich voller Vorfreude – doch die Plattenfirma ließ sich unendlich viel Zeit. Im Dezember platzte der New Yorkerin der Kragen. Wütend stellte sie ihre Songs zum kostenlosen Download auf die Website Soundcloud. Klar, dass der Spaß binnen weniger Stunden gestoppt wurde. Als Kompromiss erschien das Album zwei Wochen später legal auf iTunes, auch die CD ist inzwischen erhältlich. „Dirty Gold“ ist ein tolles Album geworden. Eine Mischung aus Beichte und Abrechnung, musikalisch überraschend poppig, aber gelegentlich auch angemessen düster.

Wie wird es nun weitergehen mit den vier Ladys? Werden sie Beyoncé, Rihanna & Co vom Thron stoßen? Das Talent dazu haben sie. Doch im Pop ist es wie in der Politik: Es geht um Mehrheiten. Und die drücken sich (noch) in Verkaufszahlen aus.

SOLANGE KNOWLES

Das macht sie aus: Beyoncés kleine Schwester ist ein ewiges Wunderkind. Hübsch, begabt und mit Gespür für einen coolen, individuellen Style. Das hat sie der Welt zu sagen: Sie singt über Einsamkeit, Unsicherheit und natürlich über die Liebe. Und dann gibt es den Song „Fuck The Industry“, in dem sie all denen den Mittelfinger zeigt, die aus ihr eine zweite Beyoncé machen wollen. Darum sollten wir mal reinhören: Weil Solanges Songs elegant klingen und trotzdem eigenwillig und unangepasst.

ANGEL HAZE

Das macht sie aus: Sie wurde als Kind missbraucht,ist in einer Sekte aufgewachsen und durfte bis zum 16. Geburtstag keine Popmusik hören. Deshalb: kein Bling-Bling, sondern ernste Messages und Kampfbereitschaft. Das hat sie der Welt zu sagen: Auf dem Album „Dirty Gold“ lässt sie ihn dann doch raus, den ganzen Frust und Dreck. Inklusive Abrechnung mit der eigenen Mutter. Darum sollten wir mal reinhören: Weil das Leben kein Ponyhof ist und Hip-Hop selten so ehrlich war.

AZEALIA BANKS

Das macht sie aus: Stars-and- Stripes-Bikini und dazu einen Baseballschläger (wie im Video zu „Liquorice“): Krawalllust und Charme lagen selten so nah beieinander. Das hat sie der Welt zu sagen: „Ich bin die einzige weibliche Rapperin mit einer eigenen Stimme.“ Darum sollten wir mal reinhören: Weil Azealia Banks da vielleicht nicht ganz unrecht hat.

IGGY AZALEA

Das macht sie aus: Ein echt böses Mädchen, das sich von ultratiefen Bässen tüchtig durchschütteln lässt. Das hat sie der Welt zu sagen: „Leck mich – aber dort, wo ich’s gerne hab.“ Darum sollten wir mal reinhören: Weil die Musik der Hammer ist und Iggy ein echtes Showtalent. Oder dachten Sie, die ist wirklich so versaut?

Schlagworte:
Autor:
Jürgen Ziemer