Oscars 2012

Petra-Reporterin live bei den Oscars

PETRA-Mitarbeiterin Antonia Steffens berichtet jedes Jahr als Reporterin vom roten Teppich – hier erzählt sie von ihren hysterischen Vorbereitungen.

Oscar Statuen

"Wahnsinn, du gehst zu den Oscars!“, kreischt meine Freundin Geralde begeistert. Dass allein das Wort „Oscar“ in mir eine mittelgroße Panikattacke auslöst, versteht sie nicht. Denn sie ahnt nicht, welchen Strapazen ich mich Jahr für Jahr aussetze, um zwischen lauter Stars als Reporterin ein halbwegs würdiges Bild abzugeben.

1000 Journalisten bewerben sich jährlich für die Oscar-Verleihung, um einen der begehrten Reporter-Standplätze am 152 Meter langen roten Teppich zu ergattern. 300 bekommen einen. Wurde man von der Academy of Motion Picture Association and Science einmal für würdig befunden, dabei zu sein, flattert die Akkreditierung danach meist jedes Jahr so gegen Dezember per E-Mail ins Postfach. Dann bleiben mir bis zum 27. Februar gerade etwas über zwei Monate, um mich in Form zu bringen. Denn am Stichtag werde ich mit Hollywoods Größen in den Werbepausen Champagner trinken. Das ist mein Job: An der Bar den neuesten Klatsch und Tratsch erhaschen und noch am selben Abend darüber berichten. Ach ja, und ich möchte dabei natürlich auch gut aussehen.

„Das schaffst du nie!“, höhnt mein Spiegelbild. „Wozu gibt es Profis, die helfen?“, schreit der Verstand hinterher. Doch allein die Kleiderfrage! Wie alle Frauen habe auch ich in solchen Momenten einen gähnend leeren Kleiderschrank. Celebrities geht es in der Hinsicht besser. Sie werden mit kostspieligsten Kleidern, Juwelen und Accessoires ausstaffiert. Umsonst, versteht sich. Nicole Kidman zum Beispiel schwebt im Regelfall mit einem geliehenen Outfit im Wert von 100.000 Dollar über den roten Teppich. Die Investition lohnt sich in ihrem Fall ja auch: Die Kombination ihrer Berühmtheit gepaart mit namhaften Marken wird von durchschnittlich einer Milliarde Zuschauern weltweit am Bildschirm verfolgt. Mein Problem: Ich bin weder berühmt, noch kennen mich Designer. Ich sehe durchschnittlich aus und zähle zur Z-Kategorie aller Anwesenden der Oscars. Was sagte mein Spiegel doch gleich? „Die Falten eine Idee zu tief, die Zähne eine Idee zu gelb, der Bauch fünf Ideen zu gemütlich.“

Aber Kreativität ist das Mittel der „Armen“. Als Erstes suche ich im Internet nach Coupons und Gutscheinen, die mein Portemonnaie etwas entlasten. Mir steht ein Beauty-Marathon bevor: Den Januar wende ich für die Behebung von vermeintlichen Schönheitsfehlern auf, meine inneren Werte zählen leider erst wieder nach der Oscar-Verleihung. Eine Spritze Botox gegen das Stirnrunzeln plus eine Dosis Reslin zum Auffüllen der Mundfalten für 90 Dollar, Zähne weißen per Ultrablaulicht für 75 Dollar, Haare schokobraun färben, Kostenpunkt 80 Dollar. Doch was mache ich nur gegens Bäuchlein? Ich erinnere mich, dass ich vor Kurzem in Beverly Hills eine Werbetafel sah: „Freeze your fat, get rid of your belly“ (Fett einfrieren, weg ist der Bauch)! In nur knapp sechs Wochen reduziert diese neue „Coolsculpting Freeze“-Technologie mit vier Spritzen die Fettzellen um bis zu 30 Prozent. Nichts wie hin. Leider ist diese Prozedur nicht ganz schmerzfrei, wie die blauen Flecken auf meiner Bauchdecke hinterher beweisen. Doch tatsächlich: Einen Monat später, es ist Anfang Februar, sehe ich augenscheinlich etwas vorteilhafter aus, habe aber noch immer keine Robe. Der Besuch bei Chic Little Devil, einem Haute-Couture-Kleiderverleih, bleibt wider Erwarten erfolglos, trotz der Anprobe von sage und schreibe 50 Kleidern.

Jetzt hilft nur noch E-Bay. Bingo! Ich entdecke ein Vintage-Dress, schwarze portugiesische Spitze über beigefarbenem Satin. Auf die Versteigerung verzichte ich und zahle gleich 300 Dollar. Sofortkauf ist doch eine herrliche Sache. Mit einer Sorge weniger kann ich nun mit dem Feintuning beginnen. Zum Ganzkörper-Spray-Tanning, der Pedi- und der Maniküre für 90 Dollar gesellen sich zusätzlich die Beauty-Gesichtsbehandlung und das Augenbrauen-Shaping mit Wimpernverlängerung für 60 Dollar. Schaut mir in die Augen, liebe Stars! Am Stichtag befinde ich mich gemäß meines minutiös aufgestellten Schlachtplans bereits um neun Uhr morgens auf dem Make-up-Stuhl im Kaufhaus Macy’s. Für 50 Dollar macht sich die Visagistin der Kosmetikfirma MAC ans Werk. Ich wähle die Variante „Cool Cat“. Kurz darauf husche ich zum Friseur, um mir für 60 Dollar eine kunstvolle Turmfrisur mit ungefähr 50 Haarnadeln verpassen zu lassen, die mir später am Abend ziemlich unschöne Kopfschmerzen bescheren werden.

In Windeseile düse ich nach Hause, schlüpfe in mein Kleidchen, pappe mit doppelseitigem Klebeband mein Dekolleté zurecht und schlüpfe in die schwarzen Stilettos. Mit der goldenen Clutch unter dem Arm spurte ich in Richtung weißer Stretchlimo vor meiner Tür. Wenn schon, denn schon – dachte ich mir. Was mich all meine Mühen letztendlich gekostet haben, will ich nicht wissen, zumindest nicht heute. George Clooney – ich komme! Es folgt ein atemberaubender Abend. Bis zu Beginn der Verleihung interviewe ich jeden, der in meine Nähe kommt: Die schwangere Natalie Portman freut sich auf ihre bevorstehende Mutterschaft. Aufgeregt ist Anne Hathaway, weil ihr als Moderatorin der Show zwölf Kostümwechsel bevorstehen. Und die bezaubernde Gwyneth Paltrow überstrahlt in ihrem silbernen Kleid alle weiblichen Ikonen.

Tatsächlich trinke ich zu später Stunde an der Bar Champagner mit George Clooney, Johnny Depp taucht neben mir auf, wir rauchen seine Selbstgedrehten. In diesem Moment weiß ich, dass sich alle Mühen und Ausgaben gelohnt haben. Und wenn Sie, liebe Leser, diesen Text hier lesen, lasse ich mir womöglich mal wieder blaue Flecken in den Bauch piken – für die Oscars 2012. Frei nach dem Motto: „Same procedure as every year.“

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