Trend Warum ist heute keiner mehr Individualist?

Früher gab es in der Fußgängerzone viel mehr zu gucken: Popper, Punks und Ökos führten ihren individuellen Style spazieren. Heute achten alle darauf, bloß nicht aus der Reihe zu tanzen. Warum eigentlich? Ein Plädoyer für mehr Mut in der Mode.
Streetstyle

Nachbarn schocken in den 80er-Jahren? Nichts einfacher als das. Ich war 14, trug spitze Schuhe mit Totenkopfschnallen, selbst genähte Haremshosen und jede Menge Kreuze um den Hals. Dazu schwarze Lippen und die Haare mit ganz viel Treibgas-Haarspray (Entschuldigung, Umwelt!) zu einem Turm aufbetoniert. Jeden Morgen auf dem Weg zur Bushaltestelle klappten hinter mir die Fensterläden auf, und ich spürte die neugierigen Blicke in meinem Rücken. Yeah, Baby, das schmeckte nach Rock ’n’ Roll und Rebellion. Auch wenn der Schaulauf durchs Dorf nur 200 Meter lang war und das Publikum aus ziemlich vielen Kühen bestand.

Sehen wir heutzutage alle gleich aus? 

In der Schule war es dann schon schwieriger, aufzufallen, weil es so viele Jugendbewegungen gab: die Punks mit so hübschen Spitznamen wie "Ratte" oder "Pizza", die Teds, die ständig ihre Tolle nachkämmen mussten, und die Ökos mit ihren selbst gebatikten Tüchern und den Samtschläppchen aus dem Teeladen. Die Mods, die sich mit den Metal-Fans kloppten, und, nicht zu vergessen: die Popper, die, akkurat gebügelt und geföhnt, immer etwas drüberstanden. Dazu gesellten sich Splittergruppen wie die "Exis" (angelehnt an die französischen Existenzialisten), die Schwarz trugen und Juliette Gréco hörten. Und natürlich der tragische Oberstufen-Hippie, der an irgendwelchen Drogen und einer speckigen Fransen-Wildlederjacke hängen geblieben war.

Gehe ich heute am Schulhof des örtlichen Gymnasiums vorbei, sehe ich eine konforme Masse. Alle Mädels tragen die gleiche Frisur (lang, in der Mitte gescheitelt), die Klamotten von Zara, und am Arm baumelt eine Tasche von Longchamp. Ich bin geschockt wie meine Nachbarn vor 25 Jahren, wobei ich nicht weiß, was ich erschreckender finde: die Tatsache, dass alle Schülerinnen gleich aussehen – oder dass sie sich genauso kleiden wie ihre Mütter? Damals, als es nur drei Fernsehsender und noch kein Internet gab, bestand die größte Herausforderung darin, an die richtigen Informationen zu kommen. Welche Schnitte waren angesagt, welche Schallplatten musste man haben, welche Filme gucken? Selig waren diejenigen mit Verwandten in einer größeren Stadt, oder – Hauptgewinn! – einer Tante in London oder Paris, die ihre alten zerknitterten Hochglanzmagazine schickte. Dann wurde nach dieser Vorlage geschneidert und selber gebastelt, bis man für sein Outfit ganz viele "Ahh!"- und "Ohh!"-Komplimente einsammeln konnte.

Streetstyle
Streetstyle Tokio

Doch, es gibt sie noch, die mutigen Street-Styler aus Tokio oder Amsterdam, denen man mit offenem Mund hinterherstarrt. Nur werden sie immer seltener.

Und heute? Gibt es im Netz fertige DIY-Pakete – mit Pech taucht das selbst genähte Kleid gleich zweimal auf einer Party auf. Mode-Blogs und Beauty-Tutorials machen es möglich, dass wir regelmäßig mit allen News zum Thema Styling versorgt werden. Und dank Onlineshopping könnten wir die schrillsten und lustigsten Outfits aus aller Welt direkt zu uns nach Hause schicken lassen. Nur leider macht das keiner. Wir gehen ja lieber auf Nummer sicher. "Die neuen Medien öffnen die Welt der Mode einer viel größeren Zielgruppe", erklärt Bloggerin Jessica Labbadia (fashionzone.de). "Dadurch ist es schwieriger geworden, seinen persönlichen Style über die Jahre selber zu entwickeln. Stattdessen orientiert man sich an aktuellen Stilikonen und macht jeden Hype mit."

Müssen wir jeden Hype mitmachen? 

Dabei ist es ja nicht so, dass sich die Fashionistas keine Mühe geben, im Gegenteil. Da wird auf Flohmärkten nach dem angesagten Vintage-Shirt gesucht, das man zu Ledershorts und Sneakern kombiniert. Die Haare liebevoll zu einem Dutt gezwirbelt, die Nerd-Brille aufgesetzt – und dann entsetzt festgestellt, dass auf der Vernissage oder dem Kings-Of-Leon-Konzert jede zweite Besucherin so aussieht. Früher erkannte man sofort, wer aus der Provinz kam, heute muss man raten: Stammt die Hipsterine aus Berlin Mitte oder aus Schieder-Schwalenberg? Das ist zwar eine nette Art der Fashion Demokratisierung – aber auf der anderen Seite auch: ganz schön langweilig.

Wo sind die Verrückten, die sich trauen, aus der Reihe zu tanzen? Über die man sich lustig macht, aber die man insgeheim bewundert. "Es gibt nicht mehr eine Mode, der alle folgen, sondern viele gleichzeitig", erklärt die Wiener Soziologin Dr. Veronika Haberler, die über das Thema "Mode(n) als Zeitindikator" geforscht hat. "Früher haben die Zyklen wesentlich länger gedauert und waren klarer definiert. Heute wissen wir zwar durch das Internet, was man in New York oder Mailand trägt. Nur, unser Umfeld weiß es auch. Das macht es so schwer, einen außergewöhnlichen Stil zu entwickeln." Vielleicht liegt es auch ein bisschen an unserer Latte-Macchiato-Gesellschaft, dass sich niemand mehr traut, anzuecken: "Egal, ob Popper, Öko oder Punk, in den 80er-Jahren ist mit jeder Jugendbewegung ein politischer Ausdruck einhergegangen", so Haberler. "Einen Begriff wie 'Glamour Punk‘ hätte es früher nicht gegeben. Das ist ein Widerspruch in sich, der zeigt, dass es heute vorrangig um eine visuelle Codierung geht – das ideologische Konzept dahinter ist weitgehend verloren gegangen."

Anders ja, aber bitte nur ein bisschen...

Wer anders ist, ist erst mal cool. Aber bitte nur ein bisschen anders – und bloß nicht den Rahmen sprengen. So wie Frauen, die eben nicht Kleidergröße 36 tragen und trotzdem Lust auf angesagte Mode haben. Es gibt immer mehr Plus-Size-Bloggerinnen, die diesen Missstand anprangern. "Unsere Welt steckt in einem Konflikt", schreibt Katrin (reizende-rundungen.blogspot.de). "Einerseits die Suche nach immer mehr Individualität – andererseits die zunehmende Gleichschaltung."

Wir tun immer so tolerant, aber sind wir es wirklich? So ist es leider immer noch "nicht okay, als dicke Frau ein eng anliegendes Kleid zu tragen", schreibt Katrin in ihrem Blog. Die Angst, nicht der Norm zu entsprechen und dadurch aufzufallen, scheint vor allem ein deutsches Phänomen zu sein. Britinnen haben da ein viel entspannteres Verhältnis zu ihrem Körper. Die ziehen die engsten Tops an, Bäuchlein hin oder her, und tanzen auf dem Tisch. Von deren Selbstbewusstsein können sich alle Spaßbremsen ("Ich bleib lieber in der dunklen Ecke stehen, weil ich in diesem Kleid ganz eventuell einen dicken Po habe") eine Scheibe abschneiden. "Auch ich frage mich oft, warum wir Deutschen nicht mehr Mut zur Individualität haben", sagt die Stylistin Mimi Hocke. In Städten wie London, Paris oder New York sei das anders. "Das hat sicher viel mit Freiheit und Authentizität zu tun. Metropolen sind inspirierend, dort leben viele Kreative und Künstler, und man hat die Möglichkeit, spielerischer mit Mode umzugehen." Klar, dass die Bankangestellte, die jeden Tag hinter dem Schalter steht, nicht plötzlich mit türkis schillerndem Turban zur Arbeit erscheinen kann. Aber muss es denn in der Freizeit immer das Konsens-Outfit  Jeans und Ringelshirt sein?

Mehr Mut zu individuellem Styling!

Wenn man sieht, mit welcher Leidenschaft wir Deutschen uns in Karnevalskostüme stürzen oder bei Events wie dem "Schlagermove" die gemusterten Lycra-Leggings rausholen, kapiert man schnell: Der Wunsch, in eine andere Haut zu schlüpfen, mit Farben und Materialien zu experimentieren, steckt in uns. Nur, wie gestalten wir ihn alltagskompatibel? Vielleicht, indem wir mutig werden und uns nicht mehr von dieser Frage "Was werden die anderen sagen?" das Styling vermiesen lassen. "Am Ende", betont Mimi Hocke, "geht es in der Mode doch vor allem um eins: Spaß zu haben!"

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Autor:
Iris Soltau