Leben Verlieren wir die Höflichkeit in unserer Gesellschaft?

Kellnerinnen pampen Gäste an, Radfahrer bepöbeln Autofahrer. Man selbst fragt sich, ob die Welt verrückt wird – wenn man nicht gerade jemandem den Einkaufswagen in die Hacken rammt. Wäre es nicht schön, wenn wir uns besser benehmen würden?
Rücksichtlose Menschen

Der Mann hielt allen Menschen die Tür auf. Es war ein grauer Samstagnachmittag in der Innenstadt, kurz vor Weihnachten, es nieselte leicht. Am Eingang eines Kaufhauses stand dieser Obdachlose und verkaufte ein Straßenmagazin. Jedes Mal wenn sich jemand der Tür näherte, sprang er hinzu und zog die schwere Glastür auf – für Männer in Kaschmirmänteln oder Männer mit Aldi-Tüten, für Frauen in Pelzen, für einfache Menschen und für komplizierte. Alle strömten an ihm vorbei. Kaum einer bedankte sich.

Aber heißt das automatisch, dass man kein „Bitte“, kein „Danke“ und keinen „Guten Tag“ über die Lippen bekommt?

Monate ist das jetzt her. Mir ist dieser Moment trotzdem in Erinnerung geblieben, weil der Mann auf die freundlichste Art und Weisen zeigte, wie schlecht wir uns alle benehmen. Ich weiß nicht mehr, ob ich mich bedankt habe. Ich weiß nur, dass ich mich fürchterlich schämte und mich fragte, ob wir alle verrohen. Dass ich mich fragte, ob ich einfach alt werde und so klinge wie meine Mutter. Oder ob wir alle zu gestresst sind, um nett zueinander zu sein. Ich habe nicht wirklich eine Antwort gefunden, zumindest keine einfache. Natürlich denkt man als Erstes darüber nach, woher es kommt, dass unser Umgangston so vor die Hunde gegangen ist. Warum wir eine Horde von Egoisten sind und wieso man plötzlich weiß, was mit „Entsolidarisierung der Gesellschaft“ gemeint ist. Es bedeutet, sich selbst am allerliebsten zu haben. Aber heißt das automatisch, dass man kein „Bitte“, kein „Danke“ und keinen „Guten Tag“ über die Lippen bekommt? Wieso können wir einem anderen Autofahrer nicht die Vorfahrt lassen? Diese Kleinigkeiten fallen uns so schwer, als ob uns ein Zacken aus der Krone fiele, es körperlich anstrengend wäre oder uns arm machte. Dabei kostet uns Höflichkeit keinen Cent – und keine Sekunde unseres Lebens.

Vielleicht ist man über den Verfall der Sitten deswegen so erbost, weil man nicht schlagfertig genug ist, wenn man bepöbelt wird oder jemand eine pampige Antwort gibt. Nie fällt einem eine gute Replik ein, noch nicht einmal eine halbe Stunde später, wie viele es oft beschreiben. Selten kann man auf die Beleidigung „Du Fahrrad-Schlampe“ mit etwas anderem kontern als „Selber Arsch“. Was nicht unbedingt dazu beiträgt, dass sich die Situation entspannt oder dass man sich besser fühlt. Im Gegenteil, meist fühlt man sich nach einem solchen Schlagabtausch ohnmächtig – und doof dazu.

Dissen und Shitstorms

Es ist schon klar, dass sich die Menschen schon immer darüber beschwert haben, dass wir alle zu Barbaren werden – dafür musste nicht erst „Deutschland sucht den Superstar“ im Fernsehen laufen, das Wort „dissen“ in den Sprachgebrauch übernommen werden, dafür mussten auch keine Shitstorms durch das Internet wehen. Auf einer Keilschrifttafel, die 2000 Jahre vor Christus angefertigt wurde, kann man lesen: „Unsere Jugend ist heruntergekommen und zuchtlos. Das Ende der Welt ist nahe.“ Ich kann mir lebhaft vorstellen, wie der Mann in seiner Tunika schlecht gelaunt auf die Steintafel vor ihm einhämmerte – wahrscheinlich mit demselben Gesichtsausdruck, mit dem ich hier sitze und schreibe. Nein, das Ende der Welt ist nicht nahe. Kulturpessimisten gab es immer, und die Probleme haben sich auch nicht verändert. Die Umstände schon. Dass wir im Umgang miteinander immer gröber und schnoddriger werden, daran sind auch die Medien schuld. Das Fernsehen, das Internet –und im Kleinen sogar das Radio: Wer es heute anmacht, kann sich für einen Sender entscheiden, bei dem die Moderatoren den Hörer mit einem höflichen „Sie“ anreden – dann muss man aber auch in Kauf nehmen, dazwischen mit den größten Hits von Tina Turner und Chris de Burgh beschallt zu werden. Möchte man aktuellere Musik hören, ertönt sofort: „Und hier kommt dein Wetter!“ Will man von Radiomoderatoren geduzt werden? Will man nicht. Es ist unhöflich und übergriffig. Ja, vielleicht klingt man in diesem Moment wie das Echo seiner eigenen Mutter. Und ihrer Mutter. Und aller Mütter davor. Trotzdem fühlt sich die Duzerei auf Radiosendern oder auch in hippen Boutiquen an, als würde man von seiner Patentante nass geküsst und könne sich nicht wehren.

Verzeihen
So etwas macht man nicht!

Der Kabarettist und Schauspieler Dieter Hildebrandt hat einmal gesagt: „Den Schlüsselsatz ‚So etwas macht man nicht‘ gibt es nicht mehr. Weil er mit Anstand zu tun hat.“ So dramatisch ist die Lage vielleicht nicht. Natürlich guckt man sich im Fernsehen „Ich bin ein Star – Holt mich hier raus!“ an und amüsiert sich wie Bolle über diese Mixtur aus Schamverlust, Selbsterniedrigung und Exhibitionismus. Natürlich kann es sein, dass durch Sendungen wie diese unsere Manieren ein bisschen mehr verlottern. Aber auf der anderen Seite: Solange sich Menschen darüber aufregen können, dass ein Moderator wie Markus Lanz unhöflich zu einem Gast ist, ist noch nicht alles verloren, oder? Noch können wir uns empören über Menschen, die sich schlecht benehmen. Ob es jetzt die fehlende Gesprächskultur von Markus Lanz ist, Alice Schwarzer und ihr Schwarzgeld oder der schubsende Winfried Glatzeder im Dschungelcamp – was moralisch ist und was in die Kategorie „Geht gar nicht“ fällt, darüber sind sich die Menschen ja immer erstaunlich schnell einig. Der Philosoph und Publizist Richard David Precht schrieb in seinem Buch „Die Kunst, kein Egoist zu sein“: „Es sind die Werte der Ehrlichkeit und der Wahrheitsliebe, der Freundschaft, der Treue und der Loyalität, der Fürsorge und Hilfsbereitschaft, des Mitgefühls und der Barmherzigkeit, der Freundlichkeit, der Höflichkeit und des Respekts, des Muts und der Zivilcourage.“ Ja, klingt super, ja, kann man alles unterschreiben. Nur mit der Umsetzung, da hapert es ein bisschen. Besonders an einem Samstagnachmittag vor Weihnachten. Oder an einem Montag nach der Arbeit auf dem Parkplatz vor dem Supermarkt. Oder – ja eigentlich ist immer irgendwas, das einen von einem zivilisierten Wesen in Sekundenschnelle zu einer grunzenden Steinzeitfrau mit High Heels von Stuart Weitzman mutieren lässt.

Unterm Strich zähl ich

Vielleicht ist der Druck, unter dem wir stehen, an allem schuld. Tolle Frauen sollen wir sein, faltenfreie Vamps, gute Mütter, scharfe Karrierefrauen und was nicht alles. Wie kann man mit diesen Ansprüchen nicht zu einem Hochleistungsegoisten werden? Zumal es nicht nur darum geht, einen guten Job zu machen und Kinder großzuziehen, nein, hinzu kommt auch noch die Selbstverwirklichung als Lebenszweck. Wie lautet der Werbespruch der Postbank? „Unterm Strich zähl ich.“ Lauter kleine Ich-Maschinen sind wir geworden, die leider vergessen haben, dass Höflichkeit das Öl im Getriebe des menschlichen Zusammenlebens ist. Für das Miteinander ist kein Platz mehr in unserem Kopf. Und was ist nun die Konsequenz daraus? Mit den Schultern zucken und die eigene Verwahrlosung mit einem „Scheiß drauf“ zur Kenntnis nehmen? Vielleicht reicht es, sich mal wieder daran zu erinnern, dass Höflichkeit nicht eine Summe von Regeln darstellt – sondern eine innere Haltung, die uns nichts kostet, aber für die man doppelt belohnt wird – mit einem Lächeln oder schlicht dem eigenen Hochgefühl. Und diese innere Haltung besteht manchmal darin, sich verdammt noch mal ein Beispiel an einem Obdachlosen zu nehmen, der zur Weihnachtszeit anderen die Tür aufhält. Oder darin, sich zumindest dafür bei ihm zu bedanken.

Leben

WAS HÖFLICHE MENSCHEN ANDERS MACHEN

Sie lästern nicht. Ausgerechnet Peer Kusmagk und Larissa Marolt haben es im Dschungelcamp vorgemacht: Obwohl er nicht der hellste Stern am Firmament sein mag und die Blondine von ihren Mitcampern gemobbt wurde, kam beiden selten ein böses Wort über die Lippen.

Sie lassen andere ausreden, hören aufmerksam zu und wissen, dass die eigene Meinung nicht immer die wichtigste ist.

Tunnelblick? Das ist nichts für sie. Höfliche Menschen gehen mit offenen Augen durch die Welt. Nur so bekommen sie wirklich mit, was um sie herum passiert, sie können besser auf ihre Mitmenschen reagieren (und zum Beispiel einen Handschuh aufheben, wenn es nötig ist).

Ehrlichkeit und Heuchelei … Sie wissen genau, wann eine Notlüge angebracht ist, aber sie wissen auch, wann die Wahrheit einfach gesagt werden muss.

Contenance ist kein Fremdwort. Menschen mit guten Manieren rasten selten oder nie aus, gehen mit Beleidigungen sparsam um und haben ein Gespür für die richtige Reaktion zum richtigen Zeitpunkt. Wie man das lernt? Ein guter Anfang wäre, einfach mal den Mund zu halten. Schon Knigge sagte: „Eine der wichtigsten gesellschaftlichen Tugenden ist die Verschwiegenheit.“

Sie helfen gern, ohne eine Gegenleistung dafür zu verlangen. Sie schleppen zum Beispiel Kisten beim Umzug eines Freundes, ohne gleich die eigene Arbeit in Abendessen oder eigene Umzüge umzurechnen.

Sich für ein Abendessen bedanken. Nach einem schönen Abend ist es für höfliche Menschen selbstverständlich, am nächsten Tag noch einmal beim Gastgeber anzurufen.

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Autor:
Wiebke Brauer