Leben So erfinde ich mich neu

Zufrieden und erfolgreich ist nicht (nur), wer ein aalglattes Image pflegt. Wie man sich neue Spielräume schafft, mutig etwas ausprobiert, sich selbst überrascht – und so glücklicher wird
Frau mit Abschluss denkt nach

Der Montagabend gehört der Couch, da werden schlicht und ergreifend die Füße hochgelegt. Ach so, dienstags geht’s zum Power-Yoga und danach in die Sauna und ins Bett, den Donnerstag belegt die Heidi mit ihrer kreischenden Topmodel- Schar. Und jeden zweiten Mittwochabend treffen wir uns

Psychologie
ich erfinde mich neu
zum Mädelsstammtisch, bestellen die obligatorische Antipastiplatte, zwei Karaffen Weißwein und Mineralwasser. Was gut ist, darf ruhig ewig währen, oder? Es lebt sich dabei so bequem: Die Finca auf Malle war doch die Entdeckung – dumm, wer da nicht wieder hinfliegen würde. Oder der Friseur ums Eck: hat den Schnitt doch gut hingekriegt. Der wird die nächsten fünf Jahre verpflichtet. Wir bleiben auch gern beim selben Autor, wenn uns der Krimi gefesselt hat. Stecken die leere Mascara ein, um nicht nach der falschen zu greifen. Und bleiben hübsch unserer Type treu: dienen der Clique gern als Fahrer („Du trinkst doch eh nie!“), übernehmen im Job die lästigsten Kunden („Sie können doch gut mit denen!“) und bleiben im Bett bei den gleichen Griffen („Du weißt, was mich anmacht!“).

Irgendwie ist es ja auch ganz kuschelig, da drinnen in unserer Komfortzone Leben. So schön vertraut und unaufgeregt. So berechenbar und beständig, während draußen die Welt wackelt. Aufreibende Bewerbungsphasen liegen hinter uns. Der Job ist vorerst sicher. Da wäre doch verrückt, wer sofort wieder Stepstone scannen würde, nur weil vielleicht gerade Stillstand herrscht. Man verkauft ja auch nicht gleich seinen Hausstand, nur weil eine Freundin um die Welt getourt ist – und der Neid ein wenig pikst. Mit dem Rucksack herumzurennen wäre eh nicht unser Ding.

Routine gibt uns Sicherheit

Psychologie
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„Unser Selbstbild ist zwar nicht statisch“, sagt der Psychologe Roland Kopp-Wichmann (persoenlichkeits-blog.de). Trotzdem klammerten wir uns gern an das, was in den eigenen Augen zu uns passt – und meiden, was zu gewagt wäre. Weil es Sicherheit verleiht. „Ich bin nicht der Typ für Festivals, bei denen ich meine Heels gegen Gummistiefel eintauschen und meinen Rausch im Zelt ausschlafen muss“, sagt eine, die sich zwar damit auskennt, ihre Karriere anzukurbeln – die aber nicht mehr up to date ist, wenn es um Kreischen und Kontrollverlust geht. Obwohl das ihren Gesichtszügen sicher gut stünde. Und ihrer angestrengten Seele auch. Kopp-Wichmann: „Je länger wir uns innerhalb der geregelten Bahnen bewegen, desto geringer ist die Bereitschaft, hin und wieder abzubiegen und zu gucken, was das Leben noch so zu bieten hat.“ Die Flexibilität nimmt ab, die Bequemlichkeit zu. Nur ist das Sofa irgendwann so durchgesessen, dass selbst von Komfort keine Rede mehr sein kann. Dann ist der Alltag lahm – und den Antipasti fehlt die Würze.

Lassen Sie sich im Alltag überraschen

Zum Glück lässt sich jederzeit gegensteuern: „Die Grenzen seines Selbstbildes zu überschreiten kann man trainieren wie einen Muskel“, sagt der Psychologe. „Am besten beginnt man mit kleinen Schritten.“ Übt also im Alltag, sich selbst zu überraschen: sich zu einer Party mitschleppen zu lassen. Sich für eine Fortbildung anzumelden. Den Mund aufzumachen. Sich für die Schuhe mit dem steilsten Absatz zu entscheiden. Zu einer Demo zu gehen. Übers Wochenende abzuhauen. Und sich plötzlich am Meer wiederzufinden, mit pochendem Herzen und durchgepusteten Haaren und einem glücklichen Grinsen.

Dem Selbstvertrauen zu Liebe

„Es wird starke Gefühle in ihnen hervorrufen, wenn Sie zum ersten Mal etwas Untypisches tun“, sagt der Psychologe. „Lassen Sie sich durch Bauchgrummeln und schwitzige Hände nicht gleich wieder von ihren Plänen abbringen.“ Der Körper ist zwar in Habachtstellung, weil er in der Steinzeit mal gelernt hat, dass der Säbelzahntiger ihn dort anfällt, wo er vom Weg abkommt. Wir hingegen werden es mit größter Wahrscheinlichkeit überleben, wenn wir über eine Mauer luschern – und mal mutig drüberklettern. Im schlimmsten Fall fühlt es sich etwas fremd und ungewohnt an. Im Regelfall allerdings einfach nur toll. Zum einen, weil das Selbstvertrauen natürlich steigt, wenn man sich etwas beweisen und vor dem Schlafengehen sagen kann: „Ich habe heute einen Vortrag auf Englisch gehalten, ohne im Boden zu versinken. Wow!“ Zum anderen, weil man mutiger wird und sich dadurch ganz neue Perspektiven auftun. Plötzlich sucht man nicht mehr nach Gründen dafür, weshalb man etwas lassen sollte. Sondern nach Gelegenheiten dafür, es wieder zu tun.

Was fehlt mir in meinem Leben?

Je häufiger Sie bereit sind, etwas Untypisches zu tun, desto gelassener werden Sie mit den Symptomen umgehen.“ Das doofe Gefühl in der Magengegend wird zum spannenden Bauchkribbeln. Und die aufschießende Hitze zur freudigen Erwartung dessen, was folgt. Danach ist man bereit für das nächste Level. Jetzt lohnt es, mal genauer in sich herumzukramen und sich essenziellen Fragen zu widmen: Was fehlt in meinem Leben? Vielleicht die Gewissheit, nicht nur für das eigene Fortkommen zu sorgen, sondern nebenbei für etwas viel Größeres einzustehen: Das kann bedeuten, sich einem Protest anzuschließen, Plakate zu basteln und Petitionen zu verfassen. Die eine engagiert sich in einer Menschenrechtsorganisation, die andere tritt dem Tierschutzbund bei. „Das kann selbst erfolgreichen Menschen unglaublich viel Sinn stiften,“ sagt Roland Kopp-Wichmann. Zumal wenn sie bislang geglaubt hatten, allein nichts ausrichten zu können. Oder dafür nicht geeignet zu sein. „Ein weiterer Anstoß könnte es sein, sich zu notieren, wen man für etwas Bestimmtes bewundert. Und warum man sich das nicht genauso zutraut.“ Tipps für mehr Selbstvertrauen finden Sie hier. 

Den Horizont erweitern

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Vielleicht datet eine Freundin ja andauernd tolle Männer, die sie über das Internet kennenlernt. Sie streichelt ihr Ego, genießt die Freiheit, lässt sich umwerben, hat Spaß im Bett – während man selbst früh schlafen geht und davon träumt, es auch so zu machen. „Wir haben tausend Zweifel im Kopf, wenn es um Erfahrungen geht, die wir (noch) nie gemacht haben.“ So ein unstetes Leben passt einfach nicht zu meinen Werten. Wo soll das hinführen? Ein Experiment daraus zu machen, sich selbst zu beobachten und am Ende gar eine neue Seite an sich zu entdecken, die plötzlich stimmig erscheint, wagen die wenigsten. Aber wenn doch, dann passiert total viel: Wir erweitern unseren Horizont, gewinnen an Souveränität und lernen neue Menschen kennen, die uns inspirieren. Wir haben plötzlich auch tausend Geschichten und Anekdoten zu erzählen, werden für andere interessanter und unterhaltsamer, haben Charisma – und fühlen uns noch viel wohler in unserer Haut. Natürlich nicht nur durchs Daten, sondern einfach, indem wir uns bewusst anders als normalerweise verhalten: intensiv zuhören, statt selbst zu erzählen. Zu einem Ladies Lunch gehen, statt die Mädels zu treffen. Gespräche suchen, statt weiterzuhuschen.

Neues wagen

Noch eine Frage, die es sich dem Psychologen zufolge zu stellen lohnt: Was würde noch mehr Farbe in mein Leben bringen? Ein ungewöhnliches Hobby vielleicht? Ein anderer Style? Eine neue Erfahrung? Wer bislang nur die Werke anderer in Ausstellungen bewundert hat, könnte sich einem Malkurs anschließen. Oder sich eine Staffelei ins Wohnzimmer stellen. Einfach so. Weil die Pinselstriche mal ganz andere Sinne ansprechen und einen auf interessante Ideen bringen. Im schlimmsten Fall landet das Zeug nach einiger Zeit wieder auf dem Flohmarkt. Im schönsten setzt es positive Gefühle frei, schafft einen neuen Ausgleich – oder eine Brücke zu jemandem, der die eigene Freude teilt. „Wer sich nicht entsinnen kann, dass er schon immer ein Instrument spielen, allein Asien bereisen oder reiten lernen wollte, geht umgekehrt an die Sache heran“, rät Kopp-Wichmann. Dann nimmt man sich jeden Monat ein anderes Projekt vor: lernt eine neue Sprache und testet bei einem Kurztrip, ob man sich einfach durch die Stadt fragen kann und wie die Leute so reagieren. Im nächsten Monat geht man dort shoppen, wo man sonst nie nach Klamotten gucken würde. Und legt sich ein paar Teile fürs Büro oder den nächsten Girls- Abend zu, die man bislang höchstens in den eigenen vier Wänden getragen hätte. Als nächste Aktion schmeißt man vielleicht eine Party – und lässt jeden jemanden mitbringen, den die anderen nicht kennen.

Je abwegiger einem die Idee erst erscheint, desto besser ist sie wahrscheinlich geeignet, um uns selbst verblüffen zu können. Und nur darum geht’s. Schließlich wollen wir nicht die anderen damit beendrucken, dass wir im Alltagseinerlei mal den ein oder anderen Haken in eine neue Richtung schlagen, sondern uns selbst. Was zählt, sind die eigenen Glücksgefühle und der Genuss, der mit einem schrägen Wagnis oder einer neuen spannenden Erfahrung einhergeht.

 

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Autor:
Katja Bosse