Leben Meditation - So lassen Sie den Alltags-Stress hinter sich

Im Schweinsgalopp zum nächsten Termin, ein Hagel von E-Mails, dazu jede Menge nervende Leute. Könnte man das ewige Stresskarussell nicht einfach anhalten? Ja, das geht wirklich, und zwar durch Meditation. Was die neuesten wissenschaftlichen Erkenntisse besagen und warum Sie zum Entspannen weder Klangschalen noch Räucherstäbchen brauchen, erfahren Sie hier
Meditation und Yoga

So langsam reicht’s wirklich. Im letzten Jahr stellte das Bundesarbeitsministerium den „Stress report Deutschland 2012“ vor: 60 Prozent der Arbeitnehmer beklagen, dass sie mehrere Aufgaben gleichzeitig haben, 44 Prozent werden ständig durch E-Mails und Anrufe unterbrochen, jeder Zweite lässt Pausen ausfallen. Nach einer Umfrage der Technikerkrankenkasse leiden 50 Prozent der Deutschen unter Dauerstress, die Folgen sind hoher Blutdruck, Schlafstörungen und Rückenschmerzen. Unter diesem Dauerfeuer suchen viele Menschen ihr Heil in der Meditation, sie bestellen sich Bücher über Achtsamkeit, bringen in Abendkursen sitzend ihre Beine in Brezelform und lassen sich in Yogaschulen belehren über Atemtechniken aus asiatischen Ländern, deren Einwohner froh wären, wenn ihr Gesundheitssystem halb so gut wäre wie unseres. Die meisten, die einmal mit der Meditation anfangen, schwärmen davon, als hätten sie es am liebsten schon in der Grundschule gelernt. Dabei geht es vor allem ums Atmen, einen Vorgang, den selbst Akteure von Unterhaltungsformaten wie „Frauentausch“ oder „Berlin – Tag und Nacht“ ohne Anleitung ganz gut auf die Reihe bekommen. Und das soll die Antwort auf den täglichen Stress sein?

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Genau das. Niko Kohls erforscht an der Ludwig- Maximilians-Universität in München, wie Meditation auf das Gehirn wirkt, sein Institut berät große deutsche Unternehmen wie Bosch, Alnatura und die Drogeriekette dm. „Wir glauben oft, wir müssten etwas unternehmen, um uns gut zu fühlen“, sagt Niko Kohls. Er führt das Interview ganz lässig, während er am Steuer seines Saab zwischen Nürnberg und Coburg unterwegs ist. Probleme mit der Konzentration hat der Mann offenbar nicht. „Meditation sieht aus wie Nichtstun, aber im Gegenteil: Der Mensch lernt, Gedanken mit Abstand zu betrachten, ohne sie mit Gefühlen zu bewerten. Dazu muss man sich konzentrieren, ohne sich anzuspannen, und das ist eine große Leistung.“ Diese Arbeit formt das Gehirn, wie Training einen Muskel formt: Wenn jemand regelmäßig meditiert, wird die Amygdala, wo Stress und Angst verarbeitet werden, weniger aktiv, und andere Regionen, die für optimistische Gefühle zuständig sind, werden kräftiger. Durch regelmäßige Entspannung weiten sich die Blutgefäße, der Blutdruck sinkt, das Risiko von Herzinfarkt und Schlaganfall geht zurück. Im Januar haben Forscher der John Hopkins University im amerikanischen Baltimore ihre Ergebnisse einer Zusammenschau aus 19.000 Studien über Meditation vorgestellt: Meditation hilft oft sogar bei Schmerzen, Angststörungen und Depressionen. Doch wie kommt man hinein in die neue Gelassenheit? „Fürs Erste reichen ein paar Atemzüge, höchstens eine Minute“, sagt Niko Kohls. „Jeder kann mit einem Buch oder einer CD lernen zu meditieren, aber vielen fällt das angeleitete Lernen in einem Kurs leichter. Dort lernt man, Fehler von Anfang an zu vermeiden, und das Lernen in der Gruppe wirkt motivierend.“

Diese Formen von Meditation gehören zu den wichtigsten:

YOGA

Yoga ist keine Meditation, aber Meditationsübungen gehören zu jedem Yogakurs, meistens am Abschluss. Die körperlichen Übungen, sogenannte Asanas, können anfangs eine Herausforderung sein, darum lernt Yoga sich am besten in einem Kurs.

VISUALISIERUNG

Bilder im Kopf können die Stimmung beherrschen und über das Nervensystem auf Herzschlag und Blutgefäße wirken. Viele Kurse und Bücher arbeiten mit bildlichen Vorstellungen, die guttun: eine Wiese in der Sonne, eine Blüte, die sich öffnet, oder weißes Licht, das mit dem Atem in den Körper strömt und sich dann in alle Zellen verteilt.

ACHTSAMKEITSMEDITATION

Sie ist im Alltag besonders nützlich, denn sie zielt darauf ab, alles wahrzunehmen, ohne es zu beurteilen: den Atem, den Herzschlag, das Jucken an der Schulter, das Bimmeln des Handys, wenn eine SMS kommt.

AUTOGENES TRAINING

Eine Entspannungsmethode, die zur Meditation führt. Das autogene Training arbeitet mit Gedanken wie „Mein Bein ist warm und schwer“ oder „Meine Stirn ist kühl und klar“ – der Körper macht sich locker, die Gedanken spielen Verstecken.

ZEN

Die Zen-Meditation ist Teil einer Philosophie, die in den Buddhismus eingebettet ist: Achtsamkeit mit weltanschaulichem Überbau. Interessant für Menschen, die sich mit asiatischer Philosophie auseinandersetzen möchten.

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Das möchten aber nicht alle. Viele, die sich für Meditation interessieren, fühlen sich abgeschreckt durch esoterische Begleiterscheinungen: Sie wollen nicht im Flur auf einer Leiter herumbalancieren, weil die Räucherstäbchen einen Alarm im Rauchmelder ausgelöst haben, sie wollen keine weiße Kleidung tragen, nur weil der Yogi es wünscht, und sie wollen keine indischen Mantras singen. Nicht wegen der fremden Sprache – sie würden auch keine niedersächsischen Mantras singen wollen, weil sie nämlich gar keine Mantras singen wollen. Geht’s auch ohne? „Meditation braucht keine Spiritualität“, sagt Niko Kohls. „Sie können das ganz sachlich machen und werden eine deutliche Wirkung spüren.“

Mit dem Po auf einem Dinkelkissen zu sitzen und entspannt zu bleiben, klingt einfach, aber wirkt der trainierte Gleichmut auch im Alltag? Erst vor drei Tagen hat Gaby Reimann sich dieses neue Fahrrad gekauft, jetzt steht die 56-jährige Meditationslehrerin damit in Hamburg vor einem Café, das Fahrrad funkelt in der Sonne – und hat einen Platten. Sie atmet einmal tief durch, dann lässt sie das Ding stehen, setzt sich vor dem Café auf eine Bank und bestellt einen Milchkaffee. „Früher hätte ich mich in so einer Situation erst mal eine Viertelstunde geärgert“, sagt sie. „Heute dauert die Wut nur eine Minute, und dann suche ich nach einer Lösung.“ Gaby Reimann ist nicht groß, aber lebhaft, und in ihren Augen funkelt eine Lebendigkeit, die einmal Kampfeslust war: Sie spielte früher in der deutschen Hockey-Nationalmannschaft, 1981 wurden sie Weltmeister, 1984 hat sie mit ihrer Mannschaft bei den Olympischen Spielen in Los Angeles die Silbermedaille geholt, Anfang der Neunzigerjahre hat sie ihre Meditationsausbildung gemacht (gaby-reimann.de). „Wenn du auf so einem Niveau spielst, muss du voll konzentriert sein“, sagt sie. „Ich habe erst nachher begriffen, wie gut Meditation hilft, den Fokus zu halten.“ Und irgendwann ist dann die Meditation keine Übung für den Alltag mehr, sondern der Alltag wird, wenn man Lust hat, zur Übung. „Man kann eine E-Mail entspannt und achtsam lesen, und man kann einem missmutigen Vorgesetzten zuhören, ohne sich zu ärgern“, sagt Gaby Reimann, sie hat ihren Kaffee auf und ist so fröhlich, als wäre nichts geschehen. „Häufig sagen wir nicht: ,Das ärgert mich‘, sondern wir sagen: ,Ich ärgere mich.‘ Und wenn ich die Macht habe, mich zu ärgern, habe ich auch die Macht, es zu lassen.“ Sagt’s und schiebt mit ihrem Fahrrad zur Werkstatt, einatmend, ausatmend.

Autor:
Burkhard Maria Zimmermann